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Menschen, Medien, Eimerketten

I Shot the Apeman

oder: die Schmidtbande

Eine assoziative Medienwirkungsanalyse  zur 3sat TV-Doku vom 18. November 2013

Affenalarm – die Pavianpolizei aus 2011, über trickreich belästigende Pavianbanden in den südafrikanischen Tafelbergen – und wie man mit ihnen umgeht – geht mir, seit gestern gesehen, immer noch nicht aus dem Kopf.

Zum einen habe ich diese auf dem Strassenasphalt rumlungernden Paviane schon 1996 gesehen  – bei der Durchquerung des Rukwe-Nationalparks in Tanzania – auf einer dieser hervorragend vom IMF finanzierten Straßenverbindungen, möglicherweise nach Mbeya im Süden, zur Grenze nach Malawi, die führt da einfach durch – und man sieht tatsächlich Zebras, Antilopen und Giraffen,  gleich neben der Strasse, leider sitzt man als Passagier nur in einem Fernbus hinter von farbigen Folien verklebten Fenstern – und da hängen sie dann ab, die Pavian-Schlaulis, machen einen auf niedlich und harmlos, von den Touristen lassen sie sich fotografieren und streicheln, und kassieren dafür Futter und Leckerbissen, und knacken inzwischen sogar Autos – Weil das ja viel einfacher als selber Futter suchen ist, und die Affen ja nicht blöd, sondern eher bequem bis faul sind. Sehr menschlich.

Diese 12 Jahre alte Beobachtung wird in der Doku über die „Schmidtbande“ am südafrikanischen Tafelberg aktualisiert. Das Problem für die umliegende Nachbarschaft verdeutlicht sich. Die Schnittstelle Mensch-Tier zeigt sich damit als eine echte Plage.

Für mich schwächelt dieser Beitrag durch die Vermenschlichung der Affenbanden, durch die musikalische Unterlegung (Krimimusik, keine Ahnung: Kriminaltango? Schmidtchen Schleicher?) und die Personifizierung (Schmidtbande, namentliche Steckbriefe) – okay, eigentlich ist das ja auch ganz unterhaltsam,  Trotzdem handelt dieser Film von den finsteren Territorialkämpfen Mensch gegen Affe: Die Pavian-Polizei, so hiess die Doku.

Der bewaffnete Restaurantwächter, der seine Knarre in einer Tüte versteckt, damit die Affen sie nicht gleich von weitem sehen, der oft zu spät kommt, aber gegen Merlin, einen von diesen steckbrieflich gesuchten Pavian-Alphamännchen zum Schluss doch noch mal einen Treffer landet. Ob der Schurkenaffe dabei getötet wurde, bleibt unklar … Oder ein anderer Anrainer, ein Farmer, der erzählt von seinem Aufseher (oder von sich selbst) und seinem Rezept, der, wenn die Pavs mal wieder zu unverfroren marodieren, einen von den Affen erschiesst, einer reiche pro Jahr, dann zögen die anderen sich erstmal für ca. 8 Monate zurück.

Das Psychogramm der Banden aus dem Munde dieses Restaurants-Sheriffs zeugt von Respekt vor den Gegnern:  die ziehen sich nach einer Attacke erstmal wieder zurück, in ihre Höhle im Hinterland, bequatschen den Rest des Abends ihre letzte Aktion, und hecken eine neue Strategie aus – für mehr Erfolg beim nächsten Überfall, am besten gleich morgen.

Meine Kritik

Dieser Film hat einen merkwürdigen Subtext. In welchem Sci-Fi habe ich mal gelesen, dass den Primaten eine Art Menschenrecht zugesprochen wird, weil sie unsere nächsten Verwandten sind?

Es gibt ja auch Bilder von anderen Konflikt-Begegnungen zwischen Mensch und Tier – Pinguine irgendwo auf der anderen Seite des Globus, die sich aus Strandutensilien ihr Nestmaterial zusammenklauen und ungeniert durch’s Strandbad streunen; oder die Albatros-Brutkolonie, die sich jedes Jahr auf einem US-Militärstützpunkt einfindet – obwohl das etwas anderes ist: die Albatrosse waren bestimmt schon länger da als das Militär, die Pinguine länger als die Badegäste, außerdem niedlich, aber vor allem: sind das nur blöde Vögel.

Die Paviane jedoch, diese Affenbanden, die gehen dahin, wo es leicht ist. Die folgen der Spur des Wohl- und des geringsten Widerstands – sind Primaten wie wir: soziale Wesen, clever, an simplen Gruppenlösungen für existenzielle Probleme orientiert – penetrant, durchsetzungsfähig, lern- und anpassungsfähig, immer auf den eigenen Vorteil bedacht, rücksichtslos – und für den menschlichen Standard eher kommunikationsgestört, um nicht zu sagen: simpel, selbstsüchtig. Leider ohne Syntax – und dazu beratungsresistent.

So, wie sie lt. Film dort in Südafrika mit den Primaten umgehen, kann man das metaphorisch auch problemlos auf Umwelt- oder Wirtschaftsflüchtlinge übertragen. Vorstellbar sind Szenarien, in denen Wirtschaftsflüchtlinge Müllcontainer nach Essbarem durchwühlen, oder ausgehungert die Reichen überfallen, oder sich für geschönte Bilder gegen Bezahlung fotografieren lassen.

„Wie die ausgehungerten Neger/Roma/Albaner/Bulgaren/Lampedusen, die jeden Moment  unser Gated Beach Ressort stürmen wollen“,  diese fiktive Äusserung klingelt mir da ständig im Ohr.

Und das assoziiert sich durch die Vermenschlichung in diesem Beitrag. Die z.T. humanen, z.T. krassen Abwehrmassnahmen, die pavianpolizeilich da zur Sprache kamen: immer einen Schritt der „Schmidtbande“ vorausdenken, weil, die denken sich garantiert was Neues aus“ bis zu „ich erschiess einen pro Jahr, für ein dreiviertel Jahr hab ich dann Ruhe.“ Aus meinem medialen Bilderarchiv tauchen ergänzend in australischen Bäumn hängende erschossene Dingos auf. Und ich denke unweigerlich an Frontex.

In Friedrichshain in den späten 40ern gabs auch mal so eine Bande, die Gladow-Bande, die waren clever, gierig und dreist, und irgendwann haben sie sich noch ein Feuergefecht geliefert, 3 Strassen über mir, ganz Al-Capone-mässig. Wirkt das nicht wie eine Erinnerung an die aktuell in den Medien wahrgenommene Verrohung (oder die Schmidtbande),  fallen einem nicht gleich der Brennpunkt Neukölln vor 3, 5 oder 8 Jahren ein, die Pariser Banlieue, Aufstände in den Vorstädten von Stockholm, Aufruhr und demonstrierte Beschwerden überall?

Das finde ich die Gefahr bei dieser Vermenschlichung – weil jeder kann die Story auch metaphorisch lesen, ummünzen, und auf menschliche Räuberbanden übertragen, oder? Und dann wirkt sie leicht mal menschenverachtend oder gar latent faschistoid, zumal sie auch noch in Südafrika mit seiner Apartheidsvergangenheit vor gerade mal 20 Jahren spielt

Meine Relativierungsklausel

Bitte nehmen Sie mir diesen Satz nicht krumm und v.a. nicht persönlich, Herr Oswald, da hadere und schraube ich ja selbst schon länger dran. Ich komme auf keine bessere Formulierung; ich beschreibe Ihnen hier meine relativ spontanen Eindrücke, meine Assoziationen, während ich Ihren Film sah und später darüber nachdachte – und dies vor meinem kommunikationswissenschaftlichen Faible möglicher Medienwirkungsforschung – aber der Satz drückt eben meine zentrale Kritik aus: ich sehe und höre, und ich assoziiere. Vielleicht hatte Ihr Film ja vor 2 oder 3 Jahren auch noch nicht so viel Parallelen zur menschlichen Gegenwart.

Der Unterschied zwischen „Spass im Zoo“ und der Pavianpolizei

In diesen ganzen nachmittäglichen Zoosendungen ist die Vermenschlichung ja Gang und gäbe, aber die sind auch auf Rentnerberuhigung gestrickt, total unverfängliches Tierknastmaterial, nett aufbe-reitet, flockig moderiert (im RBB z.B.), das tut keinem weh, find ich auch nett (obwohl: Knut ist tot).

Bei der Pavian-Polizei trifft Vermenschlichung aber auf die Konfliktzone = Territorialverteidigung – das ist definitiv keine Zoo-Situation. Das ist: back to the roots, Steinzeit, Überleben des Stärkeren, Sozialdarwinismus pur. Wie Terroritoralverteidigung aussieht, reflektieren wir ja längst aus 500 Jahren Kolonialzeit: erst rücken wir ihnen auf die Pelle, und dann machen wir die ganze Affenbande kalt (wer kriegt die Kokosnuss?) Und hier nun mit Verwandten, mit denen wir uns ein Stamm- und ein Reptilienhirn, und mindestens 96  % unserer DNA teilen.

Mag ja sein, dass die Autoren nur die Geschichte aufpeppen, und es u.a. an jüngere Generationen verkaufen wollten, aber die Message bleibt mehrdeutig – sie schwankt zwischen: „wir müssen sie loswerden“ und „oh my god, they are almost humans“!

Die üblichen Biologenhinweise gibt es natürlich: never ever feed a wild animal – die Fehler der Obdachlosen am Tafelberg werden aufgezeigt, auf das Respektverhalten und den Verlust davon im Verkehr mit Affen wird hingewiesen … alles okay, dokumentarisch sauber.Es geht um Artenschutz – die gut ausgebildeten Schützer sind Teil des Films und Bestandteil der Aussagen.

Statt töten vielleicht mal ein Gedankenspiel?

als provokative Test- und Kontrollgruppe zu dieser ungeklärten Frage schlage ich vor: bieten wir diesen Dünnbrettbohrern von Primaten mal ein Leben im Überfluss: bequeme Hängematten, room service (Schnitzel und Obst per Fingerschnippsen oder Telefonanruf), einen Fernseher und Fernbedienung (da läuft ja immerhin grad eine wissenschaftliche Studie). – Gib ihnen Las Vegas und Gelegenheit zur totalen Korruption !

Fragestellung: Können Paviane in der Gruppe vor dem TV abhängen (ohne wie eine Rockband das Hotelzimmer zu zerstören), fühlen sie sich dabei wohl, werden oder wirken sie vielleicht sogar dadurch irgendwann intelligenter? Wie schnell wird ein Primat zur Couch Potato, der sitzt doch kaum mal alleine rum, sondern hat seine Gang um sich – was kommunizieren sie dann? So vollgefressen und sattgevögelt? Sind satt-befriedigte Affen noch korrumpierbar, oder werden sie trotzdem gieriger? was sagen dann die Behavioristen, und was die Home Security? Wenn sich Affenbanden wie Eindringlinge oder gar Schädlinge verhalten?

An die Autoren

Sehr geehrter Herbert Oswald, das sind meine Fragen und Assoziationen zu Ihrem Film, ich fand ihn spannend, interessant, immerhin hab ich ihn fast durchgehend gesehen, und mich sogar 2 Tage später noch an einige Details erinnert, auch wenn Sie diese Sichtweise wohl nicht beabsichtigten.

Können Sie mit meiner adhoc-Analyse, mit meiner Kritik  etwas anfangen? Oder wirkt das auf Sie wie „frisch vom Spinner“? Sie haben da einen guten Film über eine im Grunde genommen vergleichende Primatensoziologie gemacht, die ich schon in den 80er Jahren an manchen Stellen in den Werken von Robert Anton Wilson spannend fand (okay, damit begebe ich mich doch  noch auf eine Spinner-Vorwurfsebene ;). Und egal, ob Ihnen diese Parallele bewusst war, Sie kratzen an diesem Thema, indem Sie das soziale Handeln von Affengruppen durch die Vermenschlichung so eng dem zeitgenössischem  Menschenleben gegenüber stellen. Wollten Sie das, oder war das nur ein unbeabsichtigter Nebeneffekt?

Über eine Antwort würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüssen

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