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Menschen, Medien, Eimerketten

Schmidt und einer seiner Bewunderer

Zum 100. Geburtstag von Arno Schmidt (18. Januar 2014)

Die  Dokumentation, das Arno-Schmidt-Portrait „Mein Herz gehört dem Kopf“, drei Tage vor seinem hunderten Geburtstag auf Arte ausgestrahlt, hat mich sehr beeindruckt. Leider fand ich gegen halb 12 keinen Gesprächspartner mehr, mit dem ich mich austauschen konnte.  Ich war ja auch auf keinem Public-Viewing zu diesem Anlass (wie fragt Schmidt im Film noch zu einer Einladung ? „Muss ich da was singen, oder reicht es, wenn ich nackt lese?“)

Ich habe die Bilder von Bargfeld erstmals gesehen und war von der Ruhe beeindruckt – auch wenn die Grundstücksgrenzen mit ihrem Stacheldrahtverhau eher an einen Militärposten erinnerten – dabei ging es in seiner Gartenarchitektur doch wohl eher um ein „Halt sie alle draussen“ anstelle von „Lass keinen entkommen“ – diesen Rückzugsgedanken kann ich nachvollziehen, so hat mich auch der Stacheldraht „on top“ nicht wirklich gebissen.

Parallelbeschäftigungen

Während ich dies schreibe, höre ich auf youtube einen 2011er Konzertmitschnitt (zdf.kultur) : Einstürzende Neubauten, Wire und Caspar Brötzmann Massacre – und erinnere mich nebenbei, heute ein Paar Seiten von Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler, über die Casting-Gesellschaft und neuere Systemtheorien gelesen zu haben – was hätte Arno Schmidt wohl von all dem gehalten? Immerhin treibt auch Blixa sich im Literaturbetrieb herum,  Wenn nicht den Lärm und den Haarschnitt, so hätte er doch die Lyrics von Blixa akzeptieren können – vielleicht hätten ihm auch einfach noch 10-15 Jahre bis zu einer Altersmilde gefehlt – aber milde war ja nicht so sein Ding, was ich an ihm … aber sich von einer Moderatorin namens Silke Super interviewen zu lassen, wär ihm bestimmt gewaltig gegen die Brustbehaarung gestrichen.

Arno Schmidt hätte von denen einfach keinen reingelassen.

Brötzmann junior lärmt zeitlos ganz schön was weg, tritt los, ich fand ihn schon immer gut, hab mir dabei sogar mal einen 2tägigen Hörsturz im wmf-Club eingehandelt – nur für Arno Schmidts Worte bliebe da kein Platz – Aber ich denke, Schmidt würde seine Texte auch nicht wie Jack Kerouac seinen „on the Road“ zur Jazzmusik vortragen wollen.

Back to Schmidt

Dieser Mensch war extrem eigen, konsequent und (zum Nutzen seines Werks:) sehr eigenorientiert. Wie hat er sich zu seiner Frau Alice geäussert: die optimale Schriftstellerfrau: sehr duldsam, und sie konnte Schreibmaschine (so ungefähr) – was für eine Grundlage, für ihn, seine Frau, total 60er, heute würde man ihn für so eine Aussage steinigen, oder schlimmer (für ihn): in eine talk-show einladen. das nennt dann so mancher Mitfühlender wohl die Gnade des vorzeitigen Ablebens.

Als. 13- oder 14jähriger habe ich zufälig ein Buch von ihm in die Finger bekommen und bin gleich auf seinen Schreibstil angesprungen. Ich erinnere mich noch an „Goethe und einen seiner Bewunderer“, an „von hinten blökt’s und röchelt’s“ (sehr 14jährig) und an „von ferne näselt das Saxofon leise Be-Bop; dreh das Dings mehr nach links, sprach die Sphinx, und dann gings“,  „bekochlöffeln“, statt „beratschlagen“ gefiel mir auch gleich gut – an die ungewohnte Satzzeichenballung, die ich aber besser lesen und verstehen konnte als erklärende Nebensätze – ich liebe die Drehbücher-artigen Texte seiner Literaturanalysen, die aufgeteilten Sprecherrollen mit den (alles erklärenden) Adjektiv-Beschreibungen, bei denen ich die Diskussion direkt vor Ohren hatte (erstaunlich, dass dies nach bald 30 Jahren Abstand in den Originalhörspielen in der CD-Box oft so leblos klang, dass AS diese „Lesungen“ überhaupt abgenickt hat. Wenn man ihn persönlich hört, transportiert er seine Intention (oder meine Interpretation?) viel klarer. Sein Sprechstil, vor allem bei Interviews, erscheint manchmal ein bisschen zu schnell heruntergerattert, als hätte er Angst, man würde ihm das Mikro und die Sprechzeit wegnehmen, aber wenn er sich selber spricht, dann ist die gelesene Intensität wieder da. Im Film hiess es, als Erfahrung aus einer Schmidt-Lesung müsste man seine Texte laut lesen, das stimmt. ich hab sie im Kopf gelesen, aber genau dieses Gefühl gehabt, dass da jemand kompetent rumfrozzelt, zetert, sich beschwert und sich ums Anecken bemüht. Das bringen diese 12 Radioessays u.a. mit Pinkas Brown, in verschiedenen Regien, u.a. von Magnus Enzensberger oder Martin Walser nicht wirklich rüber. Ich hab diese (mit seinem Selbst) geführten Diskussionen immer viel lebhafter gelesen, bzw. in meinem inneren Ohr gehört.

Rückzug und Humor

Die Bilder, wie er sich einen quasi Schutzraum, sein eigenes Konzentrationslager (im übertragenen Sinn) in Bargfeld um sich herum aufbaute, haben mich etwas irritiert. Was macht er da? Was geht in ihm vor? Wie weit kann ich ihm da folgen? Wie weit kann ich seine gelebte Konsequenz nachvollziehen, würde ähnlich leben wollen?  Weil, natürlich kommt ein grosses Maß an meiner Bewunderung für ihn aus einer teilweisen Identifikation mit ihm. Ich bin nicht er, for sure, aber ich erlebe, finde mich so oft in seinen Texten; schon als 14jähriger bin ich auf seinen Humor abgefahren, auf seinen Sprachwitz, der mich bis heute noch durchgehend prägt, auch wenn ich nur an der Oberfläche kratze; seinen Enzyklopismus kann ich nicht leisten, aber wie viele Menschen, Autoren, können das schon?  Seine Konsequenz, die eigene Perspektive dem Kommerzgeschnatter entgegenzustellen, beeindruckt mich.

Ohne seinen Humor wäre seine Akribie und sein Experimentieren mit Schriftbild und Sprache womöglich komplett an mir vorbeigegangenen. Daher meinen Dank für die vielen nach- und miterlebten Lacher, die mir seine Literatur, sein Wissen, seine Blickweise, und die Erzählungen über Literaturen beschert haben!

Bitte ein Remake

Vielleicht sollte man zu Schmidt’s 100. Geburtstag ein Remake zu „Goethe und einer seiner Bewunderer“ schreiben, „Arno Schmidt und einer seiner Bewunderer“, das könnte ihm sogar gefallen. Vielleicht ist dafür aber auch erst zum 200sten oder 300sten Geburtstag die richtige Zeit, wer weiss.

Als Bewunderer legte ich noch jederzeit aus eigener Tasche eine Extra-Portion Pommes zum Verzehrgutschein aus dem Reptilienfonds dazu. Mindestens.

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2 Kommentare zu “Schmidt und einer seiner Bewunderer

  1. tobiastwain
    17/01/2014

    Hallo Reichkaiweiter – habe vorgestern noch kurz überlegt, bei Arte weiter zu schauen, habe aber Schmidt nie gelesen und mich dewegen mit „Außer Atem“ und „Jean Seberg forever“ begnügt. Junge Frauen sind auch in s/w schön und danach nen alten Knacker? Ein bisschen mehr über Schmidt bitte in Deiner Laudatio und ein bisschen weniger Nebengeplänkel. Erklär mir lieber, was noch gut ist an Schmidt außer „bekochlöffeln“. Erzähl mal was von „Zettels Traum“; ist ja n echter Geheimtipp unter Brüdern. Manches hatte er uns damals echt voraus; das seh ich auch so: duldsam und Schreibmaschine schreibend – hmm – die Sechziger müssen in Bundesdeutschland für Büchermenschen doch echt paradiesisch gewesen sein. Viele Grüße nach Börlihn – Dein T.

    • reichweiter
      17/01/2014

      Tobi, das war eigentlich keine wirkliche Laudatio, da sollen sich doch die Berufenen und der Feuilleton dran abarbeiten.
      Ich als schon ein Bewunderer und Beeinflusster wollte nur etwas dazusenfen, und dass ich dabei das Nebensächliche zum Mitspieler erhebe, ist halt meine Art in diesem Blog. und wohl auch meine generelle Wahrnehmung: eher Assoziation und Rundumbetrachtung als konzentrierter Fokus.

      Bitte erwarte nicht von mir, dass ich Dir von Zettels Traum und Arno Schmidt in einer Instantsuppen-Form erzähle, nur weil du zu wenig Kraft oder Interesse hast, mal was zu lesen, was jemand anderes dir vorschlägt. Hab ihn selber ja noch nicht gelesen, weil mir als viel zu komplex von der eingeschworenen Gemeinde (dem allgemeinen Kanon) angedroht. Gibt ja genügend kleinere Formen und Appetithappen, die für einen Eindruck genügen.
      Wenn du als 3jähriger von deiner Zukunft als Baggerfahrer träumst, ist doch das Dreirad bereits ein guter Einstieg, oder nicht?

      Aber, wenn du dich für das Grosswerk interessierst: morgen nacht (18.1.), ab Mitternacht gibt es im Deutschlandradio eine 3stündige lange Arno-Schmidt-Nacht zu seinem Werk „Zettels Traum“ – Hier sollte in einem überschaubaren Zeitrahmen das Wesentliche zum Dickbuch erzählt und/oder diskutiert werden. (Ich werde es wohl aufnehmen und schick dir die Sendung auch gerne mal als CD), aber das ist auch alles, was ich zu diesem Buch sagen kann.

      Wenn du wirklich mal was von ihm anlesen möchtest, in kleinerer Form, dann versuch es doch entweder mal mit dem Büchlein „Tina oder die Unsterblichkeit“, oder „Arno Schmidt – das grosse Lesebuch“ – kriegt man beide für ca. 10 euro im Buchhandel (Fischerverlag) – das ist ein guter Einblick – und wenn du willst, kann ich dir auch, wenn wir mal wieder skypen, nebenher ein altes Hörspiel von ihm, z.B. über Klopstock, oder Wieland, Karl May oder Karl Philipp Moritz, nebenher als mp3 schicken, das klappt mit skype eigentlich ganz gut. Sein Buch „Gelehrtenrepublik“ scheint mir auch recht interessant, spannender Plot.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17/01/2014 von in Literatur, TV Watch, Uncategorized und getaggt mit , , .
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