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Menschen, Medien, Eimerketten

Das Mehrwert-Postulat

EEG-Umlage und Kapitalismuskritik

– Es fällt auf, dass alle Unternehmenssprecher, die möglicherweise von einem Wegfall der Befreiung von der Ökostromsteuer (EEG) betroffen sein könnten, stets die gleichen gebetsmühlenartigen Vorbehalte, bzw., um es beim Namen zu nennen, Drohungen ausstossen: Auslagerungen der Produktion in andere Regionen, Abwälzung auf den Kunden, Wegbrechen der Konkurrenzfähigkeit und damit natürlich, wie 1.: Arbeitslosigkeit.

Ich wünsche mir eine Datenbank mit den gesammelten Begründungen aller Betroffenen – in den Gesamt-/Nationalmedien wird das zu abstrakt behandelt – im Abendjournal des RBB gibt es immerhin in einer Ausgabe drei Aussagen, der Storck-Süsswarenhersteller droht mit Abwanderung, die S-Bahngesellschaft, oder war es die BVG, droht mit Abwälzung der Kosten auf die Kunden, und ein anderer Hersteller setzt die Erhöhung der Stromkosten um 50 % (!!) indirekt mit Konkurs und Arbeitslosigkeit gleich.

Allein diese 50% finde ich krass – weil der einzelne Privatnutzer sich dadurch endlich mal ein Bild machen kann, welche Privilegien er nicht bekommt. Der Normalbürger schraubt am Unvermeidlichen und reduziert seinen Stromverbrauch, um die höheren Stromkosten abzufedern.

Den eigenen Stromverbrauch um die Hälfte gesenkt

So muss ich als Privatperson es als eigenen Erfolg verbuchen, dass ich in den 12 Jahren, die ich hier in meiner Wohnung lebe, den Stromverbrauch von knapp 1.400 Kilowattstunden auf aktuell 780 KWh/Jahr reduziert habe. Wie ist mir das gelungen? Zum einen durch einen TripleA-Kühlschrank, sukzessiven Austausch aller Glühbirnen erst auf Energiesparlampen, inzwischen auf LEDs, und nicht unerheblich, den Kauf eines neuen Laptops, dass statt 60 Watt durchschnittlich nur noch 12-15 Watt verbraucht (vorher hatte ich noch eine Tower plus einen Röhrenmonitor !) – und da dieses Gerät bei mir als Heimarbeiter nahezu 12-18 h täglich läuft, macht sich das seit anderthalb Jahren nochmal deutlich in der Stromrechnung bemerkbar.

Meine Schlussfolgerung daraus: Wenn ich das Stromsparen kann, warum kann das die Industrie nicht? Warum gibt es nicht klare Energieberatungen für die angeblichen Intensivstrom-Verbraucher? Ich weiss, die gibt es, für den Mittelstand. Aber warum kümmert sich nicht die Forschung intensiver um die Entwicklung von energiesparenden Verfahren in der Industrie? Allein durch solchen Forschungsansatz entwickelt sich doch wieder eine neue Industrie, und ein Wettbewerbsvorteil.

Industrielles Stromsparen ist kein Thema

Irgendwie scheint es diese Denke aber nicht zu geben. Ich habe ja selber keine genauen Vorstellungen, inwieweit energiesparende Verfahren in der Schwerindustrie eingesetzt werden könnten oder überhaupt machbar sind. Dafür haben wir ja Ingenieure und Volkswirtschaftler. Ich vermute allerdings, dass die Machbarkeit bei den Entscheidungen in diesen Bereichen keine Priorität hat. Stahlerzeugung und Aluminiumherstellung sind bestimmt gigantische Energiefresser, auch die Rohstoffgewinnung, der Bergbau – aber lässt sich da nicht Energie sparen?

Investitionen in neue effizientere Technologien bringen ja durchaus Steuer- und damit Bilanzvorteile mit sich – zwar nicht soviel wie die verklausulierten undercover-Geschäfte über Briefkastenfirmen auf den Caymans, in Irland oder sonstigen Steueroasen, aber es lässt sich doch auch damit rechnen, und Geld verdienen. Aber mal ein Jahr etwas weniger verdienen ist leider nie Thema, geschweige denn Einsicht, sondern wird gleich als Krise und Bedrohung publiziert. Da agieren die Medien auch löblich systemtragend.

Es wird auf den alten Pfründen und Gewinnabschöpfungen beharrt – wenn ein Unternehmen erstmal an der Börse ist, gibt es automatisch einen argumentativen Persilschein dazu, da ja jeder Normalbürger an der Börse mitmischen kann und sozusagen in den Run auf die optimale Mehrwertabschöpfung verstrickt ist. Dass die Kleinanleger die kleinste Gruppe in diesem Spiel sind, wird dabei beflissen unter den Teppich gefegt.

Grundlagen

Hier noch ein mal die Basics des Kapitalismus: Gewinn und Profit entstehen durch Mehrwertabschöpfung: Ein Produkt wird möglichst billig eingekauft (am besten in den Kolonien geraubt), möglichst billig veredelt/aufgewertet (siehe Sklaven und Billiglohnländer), und möglichst teuer weiterverkauft. Dieses Möglichst-teuer scheint inzwischen ein Fixwert für die Profiteure geworden zu sein, ganz nach dem Motto: Teurer immer, billiger nimmer. Und dieses „teurer immer“ muss die gewohnte Gewinnspanne ausbalancieren. Dass die Rohstoffe nicht mehr so billig zu haben sind und nur durch höhere Investitionen weiterhin zur Verfügung stehen, dass die zu besteuernden Einkommen nicht mehr so günstig versteckt werden können … das „Leben“ wird halt auch für die Aktionäre teurer – nicht nur für Otta Normal, aber das sehen erstere irgendwie nicht ein, sondern schrauben mit aller Gewalt und Drohungen am Erhalt ihres Status Quo, ihres gewohnten und ausbaufähigem Grundeinkommen.

Das Absinken der gewohnten Gewinnmarge wird konsequent durch die Abwälzung auf die Schwächeren abgefedert. Kurzarbeit, Lohnverzicht bei Karstadt und dann doch eine Pleite – finde eigene Beispiele …

Europäische Agrarinvestitionen

Die plötzliche Einstellung der Agrarsubventionierung der europäischen Landwirtschaft ist auch so ein Witz:
Inzwischen ist durch umgeleitete EU-Finanzierungen von Kühlhäuser (Milchseen, Butter- und Fleischberge), Grossbauern und Grossmastbetrieben, die bisherige Subventionierung gar nicht mehr nötig, weil der Überschuss sich inzwischen auch ohne Zuschüsse gewinnbringend nach Afrika und Asien verkaufen lässt.

the winner takes all

Seit den 90ern des letzten Jahrhunderts leben wir im grenzenlosen neoliberalen Wunderland – die staatlichen Regulative zur Aufrechterhaltung eines Rousseau’schen Gesellschaftsvertrages sind faktisch ausser Kraft gesetzt. Politik ist Wirtschaft ist Dogma und nicht zu hinterfragender Wesenszustand. Das Kapital ist die faktische Macht und Richtungsgeber – die Politik nur ein Feigenblatt, eine Augenwischerei, stellt den Klerus für das Hohe Amt des Börsendiktats. Die Opposition nur noch das Feigenblatt für das Feigenblatt, den demokratischen Anschein. Früher waren  manche in ihrer Jugend mal Ministrant, heute eher Banklehrling. Statt Hostien gibt’s ein hochdotiertes Einsteigergehalt und die Aussichten auf ewiges Wachstum und spätere Boni – die Beichte wurde aus dem Programm genommen und durch facebook ersetzt.

Ein bisschen occupy

Zum Glück gibt es in der weiten Bevölkerung durchaus ein Bewusstsein, Diskussionen, Demonstrationen und den Wunsch nach einem Dagegenhalten. Aber der Gegenwind ist halt mächtig. Die Macht ist das wirtschaftliche System und hat damit auch die Exekutive. Was sollen all die Klagen erreichen, wenn die Staatstragenden darüber hinwegsehen können? Der bestimmende Teil der Welt ist so verkrustet in seinem Glauben an das einzig wahre System, dass es zu eigenen Visionen nicht fähig ist, wozu auch? Läuft doch gut für sie. Und wenn es doch mal eng wird, dann wird sich das ganze wie seit über 2 Jahren in Syrien gestalten. Dieser Mosaikstein im sogenannten Arabischen Frühlings-Flächenbrand – das war auch nur so ein Medienhype (und die Hoffnung auf neue Absatzmärkte) – inzwischen sind es schon über 100.000 Tote, als ich anfing, darüber zu schreiben, waren es auch schon – oder gerade mal 6.000. Heute kümmert es keinen mehr so richtig, wichtiger ist dann die Lanze, die Buprä Gauck für den Neoliberalismus bricht, oder der ausgerufene internationale Tag der Jogginghose.

Kann ich da ernsthaft sowas twittern?: „zu den Waffen! ihr Hartzer, Aufstocker, Verdammte dieser Erde !“

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