reichweiter

Menschen, Medien, Eimerketten

Jobcenter_Leaks

Die Piratenpartei übernimmt die Veröffentlichung von direkten Durchwahl-Telefonlisten der Jobcenter-Sachbearbeiter.

Der Reichweiter diskutiert mal wieder mit sich selber:

Damit setzen die Piraten eine Transparenz-Initiative des Wuppertaler Sozial- und Arbeitsrecht-Berater Harald Thomé fort, die bereits seit einem Jahr läuft, nun aber, aufgrund sich verschärfender juristischer Androhungen,  von ihm eingestellt wurde.

Da stehe ich recht zwiespältig zu:

die Piraten berufen sich auf den Transparenzgedanken – die eigentlich Betroffenen auf der Bückseite des Schreibtischs regt das schon lange auf, dass sie bei Anfragen nur das kostenpflichtige Jobcenter-Callcenter ans Ohr bekommen. Und die Sachbearbeiter schreien natürlich laut ihr dickes „Nein, das geht gar nicht. wie soll ich hier mein Pensum und die persönlichen Gespräche hinkriegen, wenn ständig das Telefon klingelt?

Das kann ich arbeitspraktisch auch gut verstehen. Ich kann auch nachvollziehen, dass diese dringlichen Gespräche öfters recht unangenehm sein können, ganz abgesehen davon, dass man sogenannten Arbeitsvermittlern keine Geldnöte vermitteln kann, deren Details und Automatismen doch nur die Kollegen von der Leistungsabteilung liefern können.

Andererseits ist die direkte Unerreichbarkeit der Sachbearbeiter aber auch wieder ein absolutes Ärgernis; das kann doch nicht angehen, dass diese Behörde sich gegen aktuelle Anfragen durch ein Callcenter abblockt. Das sind Sachbearbeiter, keine VIPs, natürlich machen sie manchmal auch die Schmutzarbeit, und geben den „Kunden“ am liebsten nur nach ihren eigenen Wünschen Gelegenheit zum Einsprech.

Der Arbeitslose als Job-Maschine

Unter anderem frage ich mich auch, wieviele dieser Prellbock-Abblock-Callcenter-Angestellten ihren Job erst durch das Jobcenter bekommen haben. Hat da sich nicht das Jobcenter eine eigene Security vermittelt? Und verbucht diese Vermittlung gleich noch als ihre Eigenleistung ?

Wieviele sogenannte Jobs auf dem ersten Arbeitsmarkt entstehen erst durch die Finanzierung aus Töpfen der Bundesanstalt für Arbeit? 1,5-euro-Jobs z.B., die sind meistens mit einem hohen Fortbildungsanteil gekoppelt: davon leben Tausende von sogenannten Massnahmenträgern. Fortbildungen, auch der anspruchsvolleren Sorte, leben überwiegend von Jobcenterfinanzierungen – und wähnen sich im ersten Arbeitsmarkt – Privatschulen funktionieren anders, da zahlen reiche Eltern oder Unternehmen für eine Fortbildung. Und erwarten dafür meistens mehr, als in diesen anderen Bildungsträgern geboten wird.

In denen besteht der erste Akt in der Frage: Wollen Sie?
Dann: kann ich Ihren Bildungsgutschein haben? und dann:
hier die Auflagen, die uns vom Amt zu Ihrer Leistungskontrolle auferlegt wurden.
Kommst du zu einer Arbeitsvermittlung: erste Frage: haben Sie einen Vermittlungsgutschein?
Kommst du zu einem Einzelcoaching in einer gemeinnützigen GmbH: kann ich den Bildungsgutschein haben.

Alle sind so gierig auf das vom Staat und damit von den Steuerzahlern abgedrückte Geld, weil sie sich hauptsächlich dadurch finanzieren. Und wähnen sich trotzdem im gefühlten ersten Arbeitsmarkt, und leisten dabei oft eher mittelmässige Arbeit.

Eine privat und gut finanzierte Ausbildung würde mit so einem Schlunz nie durchkommen, da wären die Kunden weg, und Schluss mit dem Einkommen. Aber am Staat mit seinen laxen und undurchdachten Bildungsansprüchen verdient sich das Mittelmass an Bildungsträgern durchgehend satt. Die bewilligenden Sachbearbeiter im Jobcenter vermitteln das als tolle Chance für den Arbeitssuchenden, und liegen in ihren Arbeitsbedarfsprognosen oft daneben.

Auch der Sachbearbeiter ist Opfer

Das schlimme ist wohl eher, dass sie unter einem Vermittlungs- und Erfolgszwang stehen, dass sie hausinterne Quoten erfüllen müssen, und einfach Angestellte sind, die die von oben angesagten Richtlinien erfüllen müssen, sonst weh und angst vor der nächsten jährlichen Mitarbeiterbeurteilung.

Und da sehe ich auch das Problem mit der Veröffentlichung von Jobcenter-Telefonlisten. Diese Sachbearbeiter sind Opfer oder Erfüllungsgehilfen, wohl eher selten Überzeugungstäter. Die machen so einen anrüchigen Job wie Steuereintreiber oder Fahrkartenkontrolleur; das Konfliktpotenzial stand schon in der Stellenbeschreibung und brennt sich ihnen seitdem auf die Stirn. Dabei wollen sie doch eigentlich nur ne ruhige Verwaltungskugel und ein paar Akten rumschieben, sich auf nen Kollegentratsch in der Teeküche treffen, ab und zu nen Geburtstagssekt trinken, Canapees schlotzen – und hin und wieder unspektakuläre Kleinentscheidungen treffen, ein bisschen an der eigenen Karriere basteln (in kurz: der Traum vom öffentlichen Dienst) – nur sind sie leider in der durchgehenden Beschwerdeabteilung, im sozialen Brennpunkt gelandet.

Ein Ausflug in ein Londoner Jobcenter

Das ist ja nicht nur in Deutschland so – in London gegen Ende der 80er Jahre hab ich solche Sachbearbeiter im Borrough Harlesden gesehen, ziemlich arme Gegend. In einer Art Kinosaal, in 20 Bankreihen sassen die „Bedürftigen“ und folgten dem Schauspiel da vorn, die 2 oder 3 Sachbearbeiter hinter Panzerglassscheiben und durch Gitter gesichert, während der jeweilige Bittsteller vorm gesamten Publikum seine Probleme ausbreiten musste (Brennpunkt und Machtverhältnisse sind angekommen?) die Äusserlichkeiten haben sich (hoffentlich) geändert, die Einstellung auf beiden Seiten nicht.

Wie lautet denn nun die Lösung des Problems?

Wenn die Veröffentlichung der Telefonlisten eine bessere Abwicklung des Tagesgeschäfts gewährleisten könnte, fände ich sie akzeptabel, vielleicht muss man sogar eine solche Eskalation heraufbeschwören, damit sich in den Umgang zwischen Sachbearbeitern und Bittstellern (sie Kunden zu nennen ist pure Zynik, ein werbescheissdröhk-Euphemismus) endlich ändert. Es muss eine Hotline für Notfälle eingerichtet werden, die Sachbearbeiter aus ihrer Verwaltungsmentalität herausgeholt werden, die müssen vor allem von ihren beruflichen Sachzwängen befreit werden, weil erst dieser Druck sie zu diesen scheinbaren Monstern macht. Die offensichtlichen Lügen in den Anschreiben müssen getilgt werden: z.B. „dies ist eine Einladung. Wenn Sie dieser nicht folgen, wird das mit folgenden Sanktionen bestraft“. oder: „dies ist eine Eingliederungsvereinbarung. Wenn Sie diese nicht unterschreiben, hat das folgende Konsequenzen.“  … das sind keine Vereinbarungen oder Einladungen, das sind einfach nur Drohungen, damit staatlich Gewalt. das ist Schönsprech = Neusprech = Orson Welles: 1984 – totalitäre Gegenwart.

Jetzt noch mal die Verantwortlichen benennen

Dieser Widerspruch wird von abstrakt und nicht an der Basis orientierten, aber gut bezahlten Verwaltungshengsten (inzwischen auch Stuten) erzeugt, die mehr an der Beschönigung der eigenen Statistiken, Bilanzen orientiert sind, und sich von der Schmutzarbeit an der konkreten Schnittstelle längst entfernt haben. Aber sie sind die Chefs, die Richtungsgeber, die Ansager.

Ich bleibe weiterhin sehr zwiegespalten

Ich finde es ja gut, dass dieser Thomé und nun auch die Piraten sich auf die Veröffentlichung von direkten Amtsdurchwahlen der Sachbearbeiter beschränken, das hat durchaus einen symbolischen, wenn auch keinen arbeitspraktischen Sinn. Schlimmer wäre es, wenn sie Fotos, Autokennzeichen, Verkehrsrouten und Privatadressen dieser Angestellten veröffentlichten. Dann wäre der Menschenjagd nämlich Tür und Tor geöffnet. Dass ich dies erwähne, soll heissen, dass ich die jetzige Telefonlistenvergabe bereits sehr grenzwertig finde. Bei so einem Ansatz ist es nur ein kleiner Schritt, bis der Mob rast.

Wenn diese Strategie aber ein Umdenken und eine Umstrukturierung in den Jobcenters hervorruft, dann finde ich diese krasse Veröffentlichung gut. Wenn die Jobcenter und deren Richtungsgeber aber auf stur schalten, wird es eng.

Die Jobcenter-Industrie oder „der gefühlte 1. Arbeitsmarkt“

Ohne Arbeitslose gäbe es keine Jobcenter, keine Sachbearbeiter, keine Arbeitsvermittler, keine Massnahmen- und Bildungsträger, keine Sekretärinnen, Computerwarte und Snackautomatenauffüller. Diese Beschäftigten glauben, sich alle in einem Arbeitsverhältnis auf dem 1. Arbeitsmarkt zu befinden, aber das tun sie nicht. Sie werden alle zum überwiegenden Teil aus Steuergeldern bezahlt. Sie arbeiten in einer virtuellen Produktivität, weil sie im Grunde nicht wirklich einen Mehrwert produzieren. Sie leisten Arbeit, das stimmt. Sie arbeiten mit mehr oder weniger Erfolg an der Beseitung eines systemischen gesellschaftlichen Missstands, für den von seiten des Staates eine ganze Menge Mittel freigegeben werden, und an dieser Quelle laben sie sich. Mal mit mehr, mal mit weniger Enthusiasmus, aber haben zumindest ihr Einkommen. Nebenbei merkt man, wenn man mal für den Senat, die Kommune, den Staat gearbeitet hat: im Vergleich zur freien Wirtschaft ist das Gehalt gar nicht schlecht.

Damit will ich sagen, dass es letztendlich eine grosse Zahl an sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmern gibt, die ohne die Existenz von Arbeitslosen gar keine Arbeit hätten, dass viele Jobs auf den in diesem Bereich tätigen Unternehmen eigentlich keine wirklich produktiven Arbeitsplätze, sondern staatlich subventionierte Arbeitsbeschaffungen sind, so wie der New Deal unter Roosevelt  oder der Autobahnbau unter Hitler.

Bedingungsloses Grundeinkommen: der Staat bezahlt seine Bürger

Die aktuell nur noch 2,5 Mio Arbeitslosen sind nach wie vor eine statistische Augenwischerei, und der eigentlichen Arbeitslosendunkelziffer müssten eben diese oben beschriebenen, scheinbaren Vollbeschäftigten hinzugerechnet werden.

Eigentlich finde ich das ja in Ordnung, dass der Staat seine Mitbürger für die Organisation dieses Staates bezahlt (das ist wohl die Definition des Beamten), er seine Aufrechterhaltung damit aus sich selbst heraus finanziert. Aber dieser ganze Apparat befasst sich nur noch mit der Verdrängung eines aktuellen systemischen Problems – und verschlingt dadurch Steuergelder, die wirklich besser eingesetzt werden könnten. Ein Riesenapparat und Unmengen von Geld werden angeleiert und losgeeist, um den unvereinbaren Denkfehler des Neoliberalismus‘ mit der Idee einer Vollbeschäftigung in Einklang zu bringen.

Wieso denke ich jetzt nur an das bedingungslose Grundeinkommen?

Puh, morgen schreib ich mal was Kurzes – und mit mehr Sonnenschein.

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