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Menschen, Medien, Eimerketten

Dank an Sascha für die Späh-Kolumnen

für die Spähkolumnen auf Spiegel-Online der letzten Wochen –

Hallo Sascha Lobo,

diese entworfene Mail an Dich liegt schon seit 6 Wochen in meinem Entwurfsordner – Ich zauderte nur, ob dich das, was ich schreibe, überhaupt interessiert, weil ich Vieles von Dir nur wiederhole.

Du arbeitst dich seit Wochen an diesem Thema kolumnentechnisch ab, was bestimmt nicht ganz einfach ist: das wesentliche Dilemma und die Empörung jede Woche neu zu gestalten, zu texten und weiter zu tragen.

Meine Eigenleistung besteht darin, dass ich auf einen möglicherweise gewollten, subliminalen Gewöhnungseffekt durch die von Paranoia gesteuerten und Paranoia fördernden TV-Serien hinweisen will.

Darum möchte ich einfach mal einen anderen Blickwinkel anbieten.

Also hier der Text, musste kaum was aktualisieren, und geht trotzdem selbst an Deinem aktuellen Beitrag (der Stunde der Sicherheitseoteriker) nicht vorbei:

9. Dez 2013 – der gläserne Mensch after Snowden

Publizistisch sinnvoll kommen jede Woche neue Infos über den generellen Grossausspähangriff aller Geheimdienste ans Tageslicht. Der lesenden Bevölkerung wird aber im Fensehen seit langem täglich vor Augen geführt, dass die diesbezüglich gruseligsten CSI-Serienpraktiken und die der home-security-plottenden Spielfilme, eher der täglichen Praxis als einer fiktiven Dramaturgie/Fantasie entsprechen. Sie werden uns hier in Form eines theatralischen Spiels vorgeführt, und dafür halten wir es immer noch, weil wir es nur aus der Distanz und durch den Trennspiegel des Bildschirms kennen. Das betrifft uns nicht, weil wir doch nicht Teil des Drehbuchs sind, die Dramaturgie findet immer auf der anderen Seite statt. Wir sind doch gar nie im Visier, geschweige denn in vorbeugender Haft. Bis dann in den nächsten Wochen herauskommt, dass Amazon der NSA das Müll- und Restmaterial an BigData nachweislich und seit Jahren abkaufte – oder umgekehrt, mit der NSA das für sie relevante Material tauschte.

Der tägliche Krimi erzeugt Normalität

Die Selbstverständlichkeit mit der in diesen einschlägigen CSI-Serien über Bürgerrechte hinweggegangen wird, erzeugt eine Vorstellung von Normalität – das passiert so leicht und locker am Bildschirm, das machen die immer, und erscheint wie ein alltägliches Procedere – dabei geht es in diesen Serien oder Filmen immer um eine Extremsituation, für die sich solches Handeln möglicherweise rechtfertigen liesse – aber dem Zuschauer wird gleichzeitig vermittelt, dass die Normalität von den „besorgten“ Behörden bereits als Extremsituation wahrgenommen wird (der Generalverdacht). Dadurch wird durch Spielsituationen das behördliche Extremempfinden als eine alltägliche Normalsituation etabliert. Und fertig ist der angewöhnte Überwachungsstaat. Und hinter der argumentativen „nationalen Sicherheitskeule“ versteckt sich die  – nicht unwesentliche – privatwirtschaftliche Zweitverwertung. Strunzig wie die Schafe, folgen wir widerspruchlos dem ganzen Geschehen, begeistert von unseren neuen Apps und tollen Apparaten – und klicken die vielen existierenden Mahner einfach weg, blenden sie aus (oder schlimmer noch: wir integrieren sie in unsere handlungsarme Illusion von einer aufgeklärten und kritischen Wahrnehmung der Welt, mit einem hilflosen Achselzucken, weil wie hält Mensch dagegen, ohne seine Rechner wegzuwerfen?).

„Das betrifft uns doch nicht, ich hab nix zu verbergen“

Sagen wir, immer noch – aber die Erkenntnis, dass dieser Spruch so nicht mehr greift, ist ja ein erster Fortschritt. Damit später, wenn sich irgendwann mal dieser Technikfaschismus als grosse Volkverführung herausstellt und von den Nachgeborenen als etwas Schlechtes bewertet wird, können wir uns nicht rausreden mit:

„Wir waren doch nur Opfer, wir haben doch nur getouched, gepostet, das Ding in der Tasche gehabt !“.

Die feindliche Übernahme einer guten Idee

Das Internet bietet fantastische Optionen, das WWW und seine Applikationen bieten u.a. ähnliche Befreiungsmöglichkeiten wie damals die Arbeiterorganisationen und Gewerkschaften zur Bekämpfung der frühkapitalistischen Arbeitsbedingungen,  oder der Whole Earth Catalog, aber die wurden durch clevere Teilzugeständnisse auch abgewendet.

Nachdem das Kapital diese erst mal nur als Bedrohung der eigenen Existenz, nicht so richtig verstanden und sicherheitshalber erstmal massiv bekämpfte, hat es bald die kleinen Zugeständnisse  und unvermeidlichen Nachbesserungen zur Abwendung der eigenen Bedrohung entdeckt. Seitdem sind die Systembewahrer nicht dümmer geworden; irgendwann haben sie im Netz diese Gefahr, aber auch die Möglichkeiten entdeckt – langsam, aber gründlich. Mit gut 10-15jähriger Verspätung, mit jünger und zeitgemässerer Manpower – greift das „System“ die Möglichkeiten des Netzes auf und macht es sich zu eigen, soll heissen, benutzt es zu eigenen Zwecken. Es wird ihnen ja auch leicht gemacht: als Systembewahrer würde ich diese Datenflut auch nicht ungenutzt lassen, ist sie doch tausendmal ergiebiger als jede Volksbefragung – die zusätzliche marktwirtschaftliche Nutzung dieser Daten haben allmählich auch die letzten Deppen in den Vorstandsetagen erkannt, da reiben sich die Gewinner doch die Hände: zum einen wird systemangreifendes Verhalten vorbeugend  gleichgesetzt mit Terrorismus, abgewendet, und dann noch der Konsument per SEO optimiert und beschwichtigt.

„Perfide“ war übrigens eins meiner Lieblingsworte in Deinen Kolumnen.

Wie lautet die Lösung? Aufklärung statt Ausspähung?

Momentan weisen die Medien nicht auf eine geistige und freiere Weiterentwicklung der Menschheit hin, die Werbung als Haupteinnahmequelle versucht sich immer noch am Profit durch die Verdummung der Nachgeborenen, der „unwissenden“ nächsten Generation; die versuchen sogar, mit den selben dummen Sprüchen wie vor 30 Jahren Kunden zu gewinnen, und nennen das auf ihren Advertising Awards wahrscheinlich dann Retro – jeder Konzern, jeder Stumpf, macht auf Suchmaschinenoptimierung und stellt Social Media-Redakteure ein, und rennt dabei, eben als Stumpf, dem Geld hinterher.

Das sieht für mich nicht nach der Vision des Internets, einer neuen Art der Kommunikation aus, nicht nach einem neuen Medium zur Erweiterung des menschlichen Bewusstsein , schon gar nicht nach einem nächsten Leary’schen neuronalen Schaltkreis. Das klingt nach feindlicher Übernahme.

Und dass Du, Sascha Lobo, dich wehrst – für alle – und protestiert, unterstütze ich !

natürlich:  tl;dr

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29/01/2014 von in Alltags Watch, Geopolitik, TV Watch und getaggt mit , , , , .
Paul Fehm

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