reichweiter

Menschen, Medien, Eimerketten

ein Tag im öffentlichen Nahverkehr

5. Februar 2014

Menschen beobachten im täglichen Getrubel, das kann man ganz gut. Wenn man sich einlässt und treiben lässt, auf dieses Gedränge. Die Sonne brilliert, Winterwetter um die 3 Grad, die Sonnenbrille ist legitim – auf dem Weg zur U-Bahn streift der Blick des Kurzzeit-Flaneurs über die üblichen Smartphone-Katatonikern hinweg und weicht ihnen rechtzeitig aus – der gedachte Schrei: Achtung Mitmensch im Gegenverkehr – bleibt in den Gedanken.

pubertierende Jungs aus der Provinz posieren für facebook Fotos auf den Stufen in ärmellosen T-Shirts  am Frankfurter Tor, naja, die haben bestimmt eine Gänsehaut-wegretouchier-app auf ihrem Handy, Muskeln haben sie nicht, braun sind sie nicht, surfen tun sie auch nicht, California ist ja so weit weg – meine Gelbtonbrille dämpft das schlimmste weg.

Ich geh in die U-Bahn, setze die Brille ab (warum?) – das Licht wird künstlich und blaulastig – der Wind, der mir entgegenbläst und von einer einfahrenden U-Bahn zeugt, fönt meine Haare in Richtung Ralph Giordani – meine nächste Bahn kommt in 3 min – ich lauf nach vorn, zum ersten Wagen, denn da krieg ich die Rolltreppe zum Wechsel am Alexanderplatz am schnellsten.

die Fahrgäste sind bunt gemischt und stehen rum und warten – Schülergruppen, Brillenträger, single-Nerds, Mütter mit Kinderwagen und hipsters; und Touri-Gruppen, Schülercliquen; lärmende östereichische Männergruppen im besten Kegelclubalter steigen zu, dazu die unscheinbaren Einzelwesen.

in der Bahn herrscht wieder eine Leuchtstoffbeleuchtung, die nach Gelbfilter schreit. ansonsten sitzen und stehen alle rum, blicken konzentriert auf playlists oder Nachrichten auf ihrem phone und schauen sich so gut wie nie um. scheinen alle bewusst egozentriert zu sein, weil mit Mitreisenden quatschen ist so gut wie nie und angesagt sowieso nicht.

türkisch durchmischte 14jährige Mädeldreiergruppen fallen mir auf, total jung und aufgebrezelt, vielleicht gibts noch die quoten-Aishe mit Kopftuch, aber es überwiegt die urbane pubertäre Göre – in irgendeinem grad angesagten youtube-look (z.B. ne Wollmütze auf und darunter wallen Haare bis zu den Hüften) – bei den Jungs dominieren haargegelte Fitzelfrisuren, ausrasierter Hinterkopf und Topfschnitt – ab und zu die nach hinten gedrehte Basecap- ganz old school hiphop, als Ansage, und trotzdem erst 15 …

richtig ältere Menschen, oder Paare, gibts selten, nicht viele trauen sich noch mit 65 oder 70 in diesen Schlund – auch gerade in den letzten Tagen mit Glatteis, da hab ich z.B. eine ältere Frau mit ihrem aufgerüsteten Krückstock gesehen, es blitzte metallisch und sah aus wie Sporen, die mensch bei Bedarf ausfahren konnte, ob per Knopfdruck oder App, konnte ich nicht sehen, aber ich dachte, okay, immerhin eine Massnahme, gegen das Blitzeis, und gegen den Schlund: eine Grossstadt-Trapperin, Frau Lederstrumpf.

ich höre auf, mich im öffentlichen Nahverkehr hinter Büchern oder im Smartphone zu vergraben, schau mich unauffällig um, oder schau hin, nehme Blickkontakt auf, wenn gegeben, auch wenn es nicht immer leicht fällt. Ich weiss, mit meinem Knittergesicht bin ich schon ein Blickfang (pretty ugly), hatte auch schon Begegnungen mit 14jährigen Dumpfbacken (und tut mir leid, dass zu sagen, das waren echt die klassisch-türkischen neuköllner dumpfs), die rumlästerten –  und mich extrem verunsicherten; aber andere kucken auch nur (Kinder) und staunen, und wenn dann ein Hauch von einem Lächeln zurückkommt, kann ich damit umgehen …

ansonsten find ich ja jeden kurzen Blickkontakt auf der Strasse, in der U-Bahn, einen Minimalwortwechsel, ein Zusammenrücken für nen Sitzplatz und ein Lächeln dazu schon gut – dann kommt mir die Zwischenmenschlichkeit in der Grosstadt schon wieder erträglich vor –

die kleinen Freundlichkeiten in den anonymen Alltagsbegegnungen sollten mehr zur Gewohnheit werden, tolerante Offenheit.  Die passiert ja auch gelegentlich, aber die Blasiertheit in der Grossstadt, als Abwehrmechanismus, überwiegt. Die Touristenmassen, die in Berlin einströmen, machen es auch nicht immer leichter.

Ich erinnere mich da immer an eine Ägyptenreise Anfang der 90er, wo mich viele Menschen, u.a. auch 14jährige Mädels mit Kopftuch, einfach mit „welcome to Egypt“ begrüsst haben, und kichernd, normal mich anlächelten und weiterzogen – das war eine tolle Begrüssung für Fremde, aber jetzt nur noch Geschichte,

doch wenn mich heute mal irgendein im Stadtplan verlorener Australier oder sonstwoher fragt, wie komm ich wohin, dann beantworte ich’s ihm so gut ich kann, und schieb ein „welcome to Berlin“ hinterher.

Aus dem Grund einer gepflegten Gastfreundschaft. wie ich sie von anderen Menschen, als der Fremde, auch erfahren hab.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 05/02/2014 von in Alltags Watch.
Paul Fehm

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