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Menschen, Medien, Eimerketten

1. September 2014 – 75 Jahre 2. Weltkrieg

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Waffen für Kurdistan aus Bundeswehrbeständen

„das ist kein kommerziell orientierter Waffenexport“ sagt Herr Oppermann in der heutigen Anhörung zum Waffenexport im Bundestag – an die Peschmerga.

Diese Anhörung ist doch pseudo-demokratische Augenwischerei, es ist doch seit den letzten Wahlergebnissen bekannt, dass die Opposition in dieser grossen Koalition nichts zu melden hat.

dies war ein erster nachweislicher Stapellauf – dass man diese Anhörung trotzdem einberufen hat (wer hat die eigentlich?, die CDU?), ist eine politische Floskel – ein Rechtfertigungshandeln – dass Waffen aus Bundeswehrbeständen geliefert werden ist doch nur eine praktikable juristische Lücke – diese Lücken im deutschen Wehrmaterial müssen schliesslich nachbeliefert werden, daher sind das trotzdem Folgeaufträge für die deutsche Rüstungsindustrie – dass der Bundestag heute eine Gedenkminute einlegt … k.A. ob das glaubhaft oder nur ein übliches Mäntelchen ist – andererseits ist die Situation dort wahrscheinlich wirklich katastrophal, am ehesten für die Flüchtlinge, militärstrategische Bedenken sind da eigentlich mindestens zweitrangig – in welcher Form bedroht denn der IS Deutschland konkret? Momentan scheinen ja eher deutsche Staatsbürger in diese Krisengebiete auszuwandern, um dort die IS-Kämpfer zu unterstützen (so viele können das nicht sein) – und jeder abwandernde deutsche IS-Kämpfer ist doch eine Verringerung einer aktuellen Bedrohung durch in Deutschland verübte salafistische Terroraktionen – mal ganz einfach und egoistisch gedacht. Also erzählt uns Frau Merkel mal wieder irgendeinen Scheiss, und erzählt uns vor allem nicht, warum der IS als eigentliche Bedrohung für Deutschland, für Amerika, und die europäische Wertegemeinschaft verstanden wird.

Zufällig am 1. September

Es scheint wie ein Zufall, dass wir uns in gefühlten Konfliktherden befinden, gerade jetzt, im hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des 1. Weltkrieges, im aktuellen 75. Jahrestag des Ausbruchs des 2. Weltkrieges – und sich die ganze (inzwischen mediengesteuerte) Gemeinde gefühlt in der Vorbereitung auf die nächste Konfrontation befindet –

den ganzen Kalten Krieg haben wir quasi durchgestanden (mal abgesehen von diesen ganzen „kleinen“ fiesen Interventionen zur Wahrung westlicher geopolitischen Ziele, Stellvertreterkriege, Militärputsche etc. – die Opferzahlen in den Jahren von 1945-1990 sind im Grunde immens, aber kaum noch jemandem bewusst) – aber im Moment lässt sich der Westen auf einen neuen Zweifrontenkrieg ein: Russland ist der neue Feind (Originalzitat einer Korrespondentin aus der heutigen Tagesschau), und dann noch der grosse undurchschaubare Islamismus …

Befriedende Arbeit im Hintergrund

In welchen Gremien, gibt es überhaupt solche Gremien, werden diese anwachsenden Konflikte eigentlich konfliktlösend diskutiert? Zum Beispiel hier, sehr beeindruckend, aber mit einer Ausstrahlung auf phoenix nur für ein Randgruppenpublikum konzipiert. Dort werden diese Konfliktzonen – bei langsam anwachsender Bereitschaft zum Einsatz von Waffen – als Mediation vermittelt – aber in den breiten Medien, in den offiziellen Verlautbarungen wird das Publikum darauf eingestimmt, dass es möglicherweise Krieg gibt. Peu à peu.

natürlich werden erst nur Waffen geliefert und ein deutscher Bundeswehreinsatz vehement abgelehnt, dann geht es einen Schritt weiter, und es kommen zu den ersten Militärberatern noch weitere Ausbilder hinzu, dann müssen Schutztruppen für humanitäre Transporte bereit gestellt werden, dann gibt es die ersten militärischen Auseinandersetzungen mit den Terroristen, dann muss die Militärhilfe aufgestockt und konkreter werden, und dann sind wir in 2 Jahren mitten im Krieg – und zwar an der russischen Westgrenze und irgendwo im Irak – dort kämpfen wir auf einmal mit Assad-getreuem Militär und der PKK zusammen – k.A. wie das eigentlich mit Assad und seiner russischen Unterstützung real klappen soll.

Drohender Genozid

Das moralische Argument der Verhinderung eines möglichen Genozids ist natürlich schwer zu toppen – kann aber auch mit der Frage ausgehebelt werden, warum hat der Westen bisher der wachsenden Todeszahl in Syrien tatenlos zugesehen? Warum diese Bereitschaft erst jetzt?

Wieso besucht ein Volker Kauder die vertriebenen Christen im Irak? und nicht die Yessiden oder die anderen Flüchtlinge? Das hat schon einen Geschmack von Propaganda, dass man auf einmal Christen als Opfer eines möglichen Genozids darstellt – als Propaganda für Deutschland wirkt das auf jeden Fall (Yessiden sind ja eigentlich sogenannte Teufelsanbeter, dazu noch aus einer islamischen Tradition, hm)

Die Spiegelung der Feindbilder

Die Verteufelung der islamistischen Fundamentalisten, in seiner dargestellten Steigerung nach Al-Quaida nun zum Islamischen Staat, dem IS (bin mir über den grammatischen Artikel gar nicht mehr sicher, heisst das jetzt „die IS“ ?) wirkt auf mich wie eine Spiegelung der Feindbilder in diesem Konflikt. Für islamistische Fundamentalisten sind wir „kufar“, die Ungläubigen, Barbaren, Schweinefleischfresser, unwertes Leben, müssen total ausgerottet werden – das haben sie sich aus Teilaussagen des Korans und daraus eine missionarische Ideologie zusammengebastelt – die ihre Hauptkraft daraus bezieht, dass es ein geopolitisches Ungleichgewicht und jede Menge Ungerechtigkeit durch einen westlichen, kapitalisch einseitig ausbeutenden Kapitalismus gibt.

Da die Menschen in den ausgebeuteten Ländern in der Tat die Leidtragenden dieser Einseitigkeit sind, gleichzeitig auch keine sonderlich differenzierte Bildung genossen haben, und in ihren traditionell Männer- und macho-orientierten Gesellschaften leben, lässt sich dieses Feindbild wahrscheinlich leicht errichten.

Im Westen hingegen, in dieser aufgeklären Scheindemokratie, lässt sich (wie grad im Moment) problemlos ein Bild der mittelalterlichen Barbarenbestie erzeugen – die Dschingis-Khan-Horden werden aus dem Kästchen gezogen – und eine Gefahr für den Westen heraufbeschworen.

Was genau bedroht den Westen da eigentlich?

Putins Russland (ich nenne es bewusst so) bedroht der westlich imperiale Grossmachteinfluss des Kapitalismus‘, also beruft Putin sich auf die ursprüngliche Macht einer ehemaligen zaristischen Grossmacht, auf den Traum einer imperialen Gegenkraft zum westlichen Reich, das mit Jelzin in den Orkus geschickt wurde – und der Plünderung eines von Thatcher und Ronald Reagan losgetretenen Neoliberalismus ausgeliefert wurde (die heutigen Oligarchen haben diese kapitalistische Chance damals gut wahrgenommen). Im Osten gibt es nach der neoliberalen Freigabe nur noch plündernde Oligarchen, die ihre Kinder dann auf Eliteschulen schicken (was übrigens die einzige hoffnungsvolle Idee ist: dass die gutausgebildeten und aufgeklärten Kinder ihren old-school-Eltern irgendwann mal den der Zeit angemessenen Marsch blasen) – aber nur vielleicht.

Da Geopolitik in den arabischen Ländern immer eine Rohstoff-orientierte Interessenspolitik ist, gibt es dort einen massiven Widerstand – in Form einer Al-Quaida oder IS. Dass sich dort ein immer stärker und besser organisierter Widerstand gegenüber einer einseitig westlichen Übermacht aufstellt, die ausser Profit, Materialismus und Eigennutz nichts an Werten oder Spiritualität zu vermitteln hat, ist kein Wunder. Aus so einer Schieflage kann jeder Agitator Unterstützer requirieren …

der westliche Kapitalismus agiert daheim schon seit langem in dieser Balance, dass er Wohlstand in irgendeiner Form umverteilen muss (trickling-down policy), um schlimmste Aufstände zu vermeiden. Das klappt im Westen momentan ja auch immer noch ganz gut – aber in Ländern wie in Nahost (wahrscheinlich auch in Russland) gibt es diesen Trickling-down-Effekt nur für die Eliten.

Ich komm nicht weiter in meiner Argumentation

Eine „islamischer Staat“ genannte Gegenkraft versucht sich in einer besinnungslosen Kraftaktion ein Territorium zurückzuerobern, das diese Gebiete mit unglaublicher kapital-imperialer Macht seit über 50 oder 250 Jahren kontrolliert – Dazu verwendet es Mittel, mit denen sich ein schwach gebildetes Volk einfach überzeugen lässt. Und gewinnt dadurch Kraft. Es konzentriert sich auf ein Konstrukt von Religion und Tradition – also auf ein auch von feindlicher Seite in den christlichen Kreuzzügen gelebtes Konstrukt. Damals war das von christlicher Seite zwar vergleichbar barbarisch, aber päpstlich abgesegnet – und sollte doch nur die heiligen Stätten des Christentums zurückerobern – heute erleben die Muslime wahrscheinlich die Kontrollerhaltung von wichtigen Rohstoffquellen wie ein damaliges imperiales Wiedereindringen.

isnogud

Ismus Isnogud

Wörter, die aus -ismus enden, sind ein Hinweis auf Absolutheitsansprüche und Abwehrhaltungen. Daher enden Kapitalismus und Islamismus auch auf die gleiche Endung – dem Islamismus unterstelle ich allerdings dabei eher eine Abwehrhaltung. Natürlich wird der Islam historisch als eine kriegerische Religion dargestellt – und er hat sich auch weit ausgebreitet, war missionarisch – meistens ca. 2-300 Jahre vor dem missionarischen (kolonialen) Christentum, aber er hat auch anders agiert, war oft integrierender tätig, hat seine Religion mit vorgefundenen Religionen fusioniert (in Afrika z.B.) – die Mauren hatten mal Südspanien in ihrer Hand, standen auch vor Wien (als Türken und Vertreter eines weiteren imperialen Reichs) – okay, das ist Geschichte, und sollte, genauso wie die dunklen Kreuzzüge als vergangene Geschichte eines „dunklen Zeitalters“ historisch gesehen werden.

Historisch ist sowieso ein gutes Stichwort

Wann hat zuletzt der Nahe Osten versucht, Einfluss auf die westliche Hemisphäre zu nehmen? (und jetzt erzähl mir nichts von wg. OPEC-Staaten und die Ölkrise von 1974) Seit der Westen aus überwiegend Rohstoff- und geopolitischen Interessen in diesen Gegenden rumpfuscht, erzeugt er permanent Widerstand – und auf diesen Interessen beharrt er bis heute – wieso wundert er sich dann auf einmal, dass ihm, in der heutigen informell hochgerüsteten Zeit, ein immer massiverer Gegenwind entgegenbläst? Die dortigen Indoktrinierer kennen doch ihr Geschäft der Manipulation auch immer besser. Die dortigen Manipulierer sind doch nicht blöd. Bücher über Agitpropaganda gibt es seit bald 100 Jahren – genauso lang ist das Wissen über zu manipulierende Massen nachzulesen.

Mein wiederholter Konjunktiv

Gäbe der Westen seine einseitigen Rohstoffinteressen auf – oder würde er seinen durch die Ausbeutung dieser Rohstoffinteressen gewonnenen Wohlstand besser verteilen, würde er mehr Freunde als Feinde gewinnen … aber da dieses trickling down selbst in den eigenen Ländern nur begrenzt stattfindet, scheint das ein weiter Weg. Auf diesem Weg formieren sich die Feinde, und mit einer Bewegung wie dem Islamischen Staat formieren sich eben auch Extrempositionen.

Der Abwurf von 2 Atombomben auf Japan, und ein kurz vorheriger konventioneller Bombenangriff auf Tokio, bei dem in einer Nacht 100.000 Menschen umkamen, sind auch Extremmassnahmen.

„Hätten wir den Krieg nicht gewonnen, wären wir sicher als Kriegsverbrecher angeklagt worden“ (General LeMay, zitiert in einem Interview des inzwischen über 80jährigen ehemaligen amerikanischen Verteidigungsministers Robert McNamara)

 

 

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2 Kommentare zu “1. September 2014 – 75 Jahre 2. Weltkrieg

  1. tobiastwain
    02/09/2014

    Hi reichweiter, guter Text! Ich hätts „25 Jahre 3. Weltkrieg“ genannt. Ich habe den Eindruck, dass die USA den 3. Weltkrieg ganz allein nach 1989 angefangen haben. „Keine Feinde? Na was soll’s – dann spielen wir eben alleine Krieg. Die Feinde werden sich dann schon einstellen.“ Hat ja geklappt und der „militärisch-industrielle Komplex“ (Mensch, so weit war man schon mal in der Analyse!) hat gewonnen. Er hat sich die gegenwärtigen Konflikte zurechtgebaut, vor allem mit immensen Waffenlieferungen an die Fanatiker, Korrupten und Blöden über Jahrzehnte hinweg. Und jetzt benutzen sie sie endlich – Hurrah, die Investitionen haben sich gelohnt!

    • reichweiter
      02/09/2014

      Zu dieser Uhrzeit liest du schon solch ausufernde Texte ? 🙂 Respekt! und danke.

      Trotz deiner Sozialisierung könntest du aber die einseitige Beschuldigung der Amerikaner etwas relativieren. Während Präsident Eisenhower 1961 diesen militärisch-industriellen Komplex angewarnt hat, hat sich in den folgenden 25 Jahren der gesamte Westen diese „Fettlebe“ bedenkenlos angeeignet – natürlich agierte Amerika als Imperium, und „gewann“ viele Vasallenstaaten, aber England und Frankreich haben sich in der Zeit auch gerade von ihren eigenen Imperien verabschiedet und sich einem neuen angeschlossen. Als dann 1989 Ronald Reagan die „Bullen losgelassen hat“, den freien unkontrollierten Kapitalismus ausrief, da waren all diese Staaten schon auf Augenhöhe, mit Dollarzeichen in der Iris, und sind daher

      mitverantwortlich. mitschuldig – schlimm ist, dass dieser neue Westen an den Konflikten weiterbaut, zwar erstmal daran verdient, aber nix wirklich dazulernt – und in ein paar Jahren wahrscheinlich wieder auf die Fresse fällt.

      Muss Geschichte sich eigentlich wirklich ständigwiederholen? und wenn ja, wie oft?

      und täglich grüsst das Murmeltier …

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