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Menschen, Medien, Eimerketten

Gewalt gegen Kinder und Brandlöcher in Büchern

Der heutige UNICEF Child Report und Andrew Vachss

Heute wurde von Unicef children erstmalig ein weltweiter Bericht über Gewalt gegen Kinder veröffentlicht – die Medien berichteten erschüttert und entsetzt, aber nur am mittleren Rand, und wahrscheinlich nur an diesem Tag !

Zu diesem Thema fiel mir spontan ein, dass ich vor vllt. 4 oder 5 Jahren mal einen ersten, dann einen zweiten oder dritten Roman aus dem Thriller- und Krimiregal meiner lokalen öffentlichen Bibliothek gezogen hatte, von einem Andrew Vachss, Krimiautor und Kinderrechtsanwalt, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte.

Trotz Fiction-Regal entpuppte sich das als Griff in eine Realität. Harter Tobak – hard-boiled nennt man diese fiktionale Erzählweise wohl heutzutage – aber wirklich hart sind in diesen Stories die abschreckenden, sich aus der Realität nährenden Plots (die an mir und meiner Jugend zum Glück ausser ein paar Ohrfeigen komplett vorbeigegangen sind): in Vachss‘ Romanen oder Kurzgeschichten schälen sich krasse Kindesmisshandlungen – und aus diesen verstörten Kinder-und Jugenderinnerungen massive Rache- und Gewaltfantasien heraus – psychologisch und fiktional erzählt, ich denke nicht, dass das unbedingt autobiografisch ist, sondern eher mit seinen Erfahrungen als Kinderrechtsanwalt zu tun hat (siehe seinen wikipedia-Eintrag)

Brandlöcher in öffentlichen Büchern

Abgesehen von diesen verstörenden Geschichten fand ich aber noch verstörender, dass all diese drei Bücher, die ich mir in der Bibliothek ausgeliehen hatte,  über viele Seiten von Brandlöcher durch Zigaretten zerstört wurden – das war so offensichtlich gezielt; da hat nicht nur mal aus versehen jemand eine Zigarette abgelegt oder fallen gelassen – das waren keine Kaffee- oder Schokoladenflecken, keine besserwisserischen bleistiftgeschriebenen Druckfehlerverbesserungen von irgendwelchen pensionierten Deutschlehrern, kein Kindergekritzel in irgendeinem unbeausichtigt liegengelassenen Buch – keine dieser üblichen Gebrauchsspuren von fremden Menschen, wie man sie oft in Büchern aus der Bücherei findet.

Hier hat irgend jemand Druck abgelassen, leise glimmend aufgeschrien, jemanden muss das extrem aufgewühlt haben. Das muss eine persönliche Betroffenheit gewesen sein – und obwohl ich erst ziemlich lange daran dachte, dass das die Reaktion eines Missbrauchsopfers gewesen sein könnte, bin ich inzwischen auch nicht ganz sicher, ob das nicht genauso die zerstörerische Handlung eines Täters war. Die zerstörerischen Stigmen sind offensichtlich – die Beweggründe dafür vollkommen austauschbar – ob sich da nun Täter oder Opfer dort gegen irgend etwas gewehrt hat?

Ein bis zwei Jahre später stand auf jeden Fall eines dieser Bücher immer noch im Regal, gleiches Exemplar, mit den gleichen Brandlöchern.

Wie ein ungehörter Schrei im täglichen Ein- und Aussortieren der hunderttausenden Bücher …

und im heutigen Regal?

Nach meiner gerade durchgeführten Recherche sind diese Bücher von Vachss gar nicht mehr im lokalen Bestand, wenn auch in anderen Bezirksbibliotheken zu finden – also steht er nicht auf einer schwarzen Liste, bloss sind diese Bücher – wahrscheinlich wegen simpler und thematisch nicht hinterfragter Sachbeschädigung – ausgemustert worden …

Zumindest in diesem Fall wünschte ich mir eine Aufhebung des Datenschutzes in deutschen Bibliotheken – um jemanden vielleicht helfen zu können …

Und wenn es ein Täter war, was dann? Soweit darf ein Datenschutz in den Bibliotheken nie gehen, und es ist gut, dass da keiner dran rüttelt – auch wenn es in solch einem Fall ins Hilflose läuft.

Das stumme und unbemerkte Ausmustern solcher Bücher mit ihren Benutzernarben, gerade am Tag eines solchen Berichts, hinterlässt mich mit einem mehr als faden Gefühl. Kann das nicht besser gestaltet werden? ein eingeklebter Zettel mit nem Hinweis, hier geht es um Kindesmissbrauch, im Fall von Betroffenheit, wenden Sie sich an folgende Telefonnummern? irgendso etwas?

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