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Menschen, Medien, Eimerketten

Schottland zählt die Stimmen

Es ist 20 Minuten  nach Mitternacht- voraussichtlich gibt es erst ab dem frühen morgen die ersten verlässlichen Wahlergebnisse, auch wenn von durch starken Nebel über den westlichen Inseln der Hubschraubertransport der Wahlurnen momentan noch gefährdet scheint.

Ich wünsche den Schotten wirklich ihre Unabhängigkeit – abgesehen von allen geäusserten Unwägbarkeiten, die daraus entstehen, wäre das eine legitimierte Grundlage für dringend erforderliche Neuverhandlungen. Dem „System“ würde die Stirn geboten und es müsste vieles neu verhandelt werden – das ist gut, weil Veränderung – Den Begriff übernehme ich übrigens aus der amerikanischen TV-Serie The Wire, in dem sie ständig vom System sprechen, womit die Amerikaner nicht unbedingt kritisch ein kapitalistisches System bezeichnen, sondern ein System von klientelhafter Vetternwirtschaft und politischen Dünkeln.

Schottland würde damit wirklich etwas anstossen, ein Umdenken – ich hoffe ja, dass, selbst wenn das Votum für ein Verbleiben im UK endet, es trotzdem ein Umdenken bewirkt. Aber ein yes wäre natürlich um einiges druckvoller. Jetzt ist alles noch in der Schwebe. In 12 Stunden wissen wir mehr.

Dass Schottland sich 90 % der Ölreserven Englands unter den Nagel reisst, dürfte wohl der Hauptstachel für London sein – aber je nun, wie hat London denn bisher das Ganze verwaltet, so schön zentralistisch? Das ist eine Gerechtigkeitsfrage, die sich alle zentralistisch geführten Länder (also auch Frankreich oder Spanien mal stellen sollten) – wenn es keine gerechte Umverteilung gibt, sondern aus der Ferne lokaler Reichtum ins „Reich“ einverleibt wird, resultiert automatisch Unzufriedenheit daraus. Natürlich ist das eine grenzwertige Situation und eine Frage nach der Solidarität mit den schwächeren Regionen. Im Clinch Schottland gegen England stehen Ölvorkommen dem privilegierten Banken- und Finanzzentrum Londons gegenüber. In Spanien steht der katalanische, wohlhabende Norden dem ärmeren Süden gegenüber, genauso wie in Italien … oder auch in Deutschland Bayern und Baden-Württemberg den Hungerleidern Bremen, Berlin und Meckpomm – da würden die reichen Bundesländer sich ja auch gerne aus den Zahlungen an die ärmeren rausziehen – aber Deutschland ist andererseits auch wieder ein föderales Modell, das im Fall von England und Frankreich so nicht existiert –

Ein stärkeres Mitbestimmungsrecht für lokale Wertschöpfer – für ein föderaleres System – macht eine europäische Einheit bestimmt nicht leichter, aber gerechter, eine europäische Union muss wahrscheinlich noch kleinteiliger werden – Zentralismus ist die Brutstätte von Autokraten –

Diese Tendenz zu autonomen Regionen erinnert mich an die Tendenz zur Schaffung von Mikronationen – damit verbunden ist oft ein vordergründig egoistischer Geschmack: ein „meinen Wohlstand-nicht-teilen-Wollen“ –  der Vorwurf von fehlender Empathie steht da schnell vor der Tür.

Heisst Autonomie „Nicht-teilen-Wollen“?

Darum hat dieses Autonomie-Bestreben auch seine negativen Seiten – entscheidend ist aber, was „hinten bei raus kommt“. In unserer heutigen global verknüpften Wirtschaft kann sowieso keiner mehr so richtig ohne den anderen – das ist nunmal Fakt, aber wie diese Verknüpfung gerechter aufgeteilt wird, das steht doch in dieser Diskussion im Vordergrund – und daraus sollte sich eine Abschaffung, na gut, eine Mäßigung zentralistischen Regierungsdenkens entwickeln – damit meine ich auch eine bürokratieverblendete Europapolitik

Der Gedanke von einem vereinten Europa ist ja zum einen ein durchaus gesellschaftspolitischer Gedanke, zum anderen aber auch nur die Idee von einem Gegen-Imperium zu den USA und den aufsteigenden Wirtschaftsmächten China oder Indien.

Im Hintergrund schlummert da die Gutmenschen-Idee, den Wohlstand der Welt endlich mal an alle Länder zu verteilen – was ja gerne durch Zahlenspiele plattgemacht wird wie: würde man den Wohlstand der westlichen Welt gleichmässig auf alle Menschen dieser Erde verteilen, bekäme jeder Mensch 10 Dollar in die Hand gedrückt, und das wär’s dann mit dem Wohlstand!! Ein irgendwie in sich perverses Argument, weil sich daraus ableiten lässt, dass es doch besser ist, wenn es den westlichen Wohlstandsgesellschaften gut geht, als das es allen gleich schlecht geht – für den Westler ist das ja nachvollziehbar, aber für die Armen (die in der Mehrzahl sind) bleibt es ja unverändert schlecht – mal abgesehen von den 2 Wochen, oder 10 Monaten, mit denen sie sich von den 10 Dollar über Wasser halten könnten – Folglich ist die aktuelle Situation besser, in der der Westen sich im Wohlstand befindet, und die anderen weiter darben. Dann geht es wenigstens uns gut. Solch eine Denke entbehrt jeglicher Empathie. Und die bedienten Spendenaufrufe für Schmerzen in der Welt sind dann nur die Beruhigungstropfen für das schlechte Gewissen: „Wir können ja was spenden, weil wir haben ja genug (weil wir ja nicht teilen müssen)“.

Eine Unabhängigkeit Schottlands, Katalanien oder Norditaliens dürfte sich hoffentlich nie aus einer kurzfristigen Verweigerung des Miteinanderteilens herausstellen – eine wirkliche Autonomie gibt es heute auf staatlicher Ebene gar nicht mehr – eine europäische Staatengemeinschaft und Solidarität ist zwar jetzt schon wirklich schwierig, aber wie soll das denn werden, wenn Mensch endlich einen Schritt weiter geht? Den Wohlstand endlich auf alle Länder, vor allem auf die jetzt schwachen Länder, ausdehnen will?

Das klingt jetzt zwar wie eine Predigt

Weltweit gerecht verteilter Wohlstand ist wohl die Grundlage für die Lösung der meisten Konflikte.

Dabei sollte sich Wohlstand aber aus einer Mischung von materiellen Bedingungen und innerer, zwischenmenschlicher Zufriedenheit definieren

Nicht von ungefähr gibt es in den westlichen Ländern relativ wenig Extremismus bzw. Terrorismus – der sog. Terrorismus ist heute eine Bedrohung aus den ausgebeuteten Ländern, in denes es eine kleine Elite von vom Westen hofierten Enstscheidungsträger gibt, die sich den Grossteil des Mehrwerts durch Rohstoffverkauf an den Westen einverleiben, und die den Grossteil ihrer Bevölkerung im Existenzminimum vor sich hindarben lassen – die Allianz von isoliert Profitierenden mit den üblichen Westökonomien, die ihren Wohlstand durch den Einkauf billiger Rohstoffe, deren Veredelung und anschliessendem hochpreisigen Verkauf im kaufkräftigen Norden schaffen – geht an der dortigen Masse zum grössten Teil vorbei – das ist weiterhin Kolonialismus – Seit dem vllt. 16. Jahrhundert hat sich der Westen dort einen Vorsprung verschafft, der sich in seiner heutigen Marktdominanz negativ als Neo-Kolonialismus bezeichnen lässt – und der die Ausbeutung einfach weiterbetreibt – mal abgesehen davon, dass dieser Westen sich auch noch massiv der Bekehrung zum Christentum widmet.

Der Schock der Konkurrenz

Umso erschütternder sind dann natürlich die Berichte, dass sich ein Herr Mittal aus Indien (Stahlindustrie) in den letzten Jahren eines ähnlichen Prinzips bemächtigt hat, oder dass eine kapitalismus-adequate asiatische Antwort vor bzw. bereits in der Tür steht. Wie? Was? Das ist doch unsere Domäne? Empörung,  Geschrei, Ruf zu den Waffen, Feinde des Systems etc.

Dabei erleben wir nur grad am eigenen Leib den Moment, mit unseren eigenen marktwirtschaftlichen Mechanismen von den Anderen an die Wand gedrängt zu werden.

Gäbe es schon einen Weltgerichtshof, würden wir eine Klage gegen die Chinesen, die Inder, und die BRAC-Staaten einreichen, wegen Systempiraterie, aber wer hat das Geld?

Und was hat das noch mit dem schottischen Autonomie-Referendum zu tun?

Hm, gut 3 einhalb Stunden nach Schliessung der Wahllokale gibt es immer noch keine Wahlergebnisse, nur Vermutungen … Kein Wunder, dass ich ins Schweifen kam.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19/09/2014 von in Alltags Watch, Geopolitik und getaggt mit , , , .
Paul Fehm

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