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Menschen, Medien, Eimerketten

Netflix – tschüss TV

Das wird wohl noch ein bisschen dauern,  aber trotzdem.

Im Juli schrieb ich einen Artikel, in dem ich das TV in seiner bisherigen Form in seinen verdienten Orkus schickte – anhand meines eigenen Nutzerverhaltens – so neu war das Thema ja eigentlich nicht, sondern eigentlich nur mir wieder bewusst geworden.

Netflix als TV oder Video on Command (VOD) wurde aber als Neu-Einführung auf dem deutschen und französischen Markt von den TV-Medien erst vorgestern stark thematisiert – kein Wunder, weil sich durch dies das ganze deutsche Thema über Qualität von TV (siehe aktuell)  und die Rechtfertigung von Gebühren für den öffentlichen Rundfunk massiv in Frage stellt.

Das ganze System im Fragezeichen : Die überhöhten Einnahmen der vormaligen GEZ, nach der letzten Gesetzesregelung, mit der in den ersten 2 Jahren die Betreiber dieses Service sich soviel Geld in die Kassen spülten, dass es ihnen schon wieder etwas peinlich wird und sie eine Absenkung der monatlichen Gebühren von 19 cent in Aussicht stellen …

Natürlich ist Netflix noch in der Probierphase, bekannt aus den USA sind die Pay-TV-Modelle HBO oder showtime, aber es gibt auch Watchever für schlappe 8 Euro pro Monat – und dann natürlich die endlosen Weiten des livestreamings als juristische Grauzone.

Gerade gestern beschwerte sich eine online-Freundin darüber, warum der Film „The Help“ zu so einer nachtschlafenden Zeit ausgestrahlt wird – ich war a) überrascht, dass er überhaupt schon irgendwo lief, b) nicht überrascht, dass er, wenn, dann zur nachtschlafenden Zeit lief – erfahrungsgemäss laufen die anspruchsvolleren Filme eher mitten in der Nacht (aus welchen Gründen wäre ein anderes Thema).

Entscheidend ist, dass sich die deutsche TV-Landschaft in 2 Bereiche teilt: 1.) der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der sich überwiegend aus einer hochdotierten Zwangszahlung _aller_  Bürger finanziert, und 2.) aus dem kommerziellen Privatfernsehen, dass den Zuschauer ca. alle 20 bis 30 Minuten mit ca. 10minütigen Werbeblöcken und Trailern bombardiert (das ist der Preis für Umsonst).

Im Detail

Zu 1, den Öffentlich-Rechtlichen: wie die Nachrichtensprecherin in den Tagesthemen noch mal darauf hinwies, erfüllen diese einen Bildungsauftrag – das ist ja auch ein gutes Argument, unbestritten, die ganzen Nachrichten, ihr weltweites Korrespondenten-Netzwerk, naja, darüber hat nicht nur der Spiegel berichtet, sondern auch der Freitag  – und es gibt wirklich viele gute, kritische Dokumentationen, die aber in der Regel dann eher auf den Spartensendern wie ZDF doku, tagesschau 24, auf Arte laufen – diese Finanzierung von gesellschaftskritischen Beiträgen schätze ich sehr – das ist wirklich gute Information, vor allem im Vergleich zu den sogenannten Dokus auf den privaten Nachrichtensendern, die auf ntv oder n24 laufen, das sind billig eingekaufte Pseudodokus über alles Mögliche, nur ab und zu sind diese neben reisserisch auch noch wirklich glaubhaft …

Kurz, die Öffentlichen haben ihren Wert, und der Zuschauer sollte auch dafür zahlen – das Schlimme ist, dass man mit diesen Zahlungen aber auch massiv über die Jahrzehnte die sich etablierten Rundfunkräte, Beisitzer und einen Riesenbürokraten-Apparat mitbezahlen muss, dass gesetzlich geregelt für diese jeweils berufenen Apparatschiks (aus den Parteien) ein gesichertes Grundeinkommen generiert wird, ohne dass diese auch nur einen einzigen Meter spannende TV-Unterhaltung drehen. Und dass diese Kopfnicker oder Kopfschüttler sich im Angesicht mit den „low-entertainment“-Erfolgsgeschichten der rein kommerziellen Sender zunehmend dem Billig-Niveau genau dieser Sender anbiedern (Konvergenztheorie, alles olle Kamellen; bzgl. der BBC oder dem deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind diese Argumente schon vor mindestens 15 Jahre genannt worden).

Zu 2., den privaten Sendern: für den deutschen Zwangs-TV-Zahler ist es nicht ganz einsichtig, dass er jetzt ca. 250,- Euro im Jahr zahlen muss, um sich auf den Sendern mit den besseren Kinofilmen stündlich bald 20 Minuten laut schreiende Reklame anzusehen – weil eigentlich greift er ja auf dieses gute Angebot zurück, weil es scheinbar umsonst ist (auch wenn er mit verschwendeter Zeit und Jugend durch Werbeblöcke bezahlen muss) – leider ballen sich in diesen so gefühlten freien Medien die Wiederholungen der Blockbuster ins Unerträgliche – nicht alle sind so spätgeboren, dass ihnen die 47. Wiederholung von Stirb langsam 3 wie ein erstes Mal erscheint! Wenn diesen Spätgeborenen mal etwas aus ihrem Deutsch-, Wirtschaftskunde- oder Sozialkundeunterricht hängengeblieben ist, dann erinnern sie sich vllt, dass diese Sender nicht Unterhaltung, sondern Werbung verkaufen, also die Zeit zwischen den Filmen …

Kabelsender und Pay-TV

Die gibt es ja in Deutschland, bloss ist die Hemmschwelle noch so gross, weil ja man an die GEZ bzw. den Bürgerservice (haha) schon soviel abdrücken muss. Momentan ist für den Deutschen der Schmerz, dem ihm mit pausenloser Werbung zugemutet wird, noch nicht so gross, im Vergleich zu seiner Knauserigkeit – dabei lassen sich jede Menge Spartensender im Abo dazukaufen: endlose Comicserien, endlose Classic-schwarzweiss-Movie-Serien, Sport only bis zum Abwinken, aber das kostet eben Extrageld – welches ich zum Beispiel nicht habe … aber meine Schwester hat sich da schon mal das Kabel Deutschland Medium-Paket gekauft – und was hat man davon? Hm, schon ne ganze Menge Sender mehr, auch themenspezifisch – aber weiterhin lineare Ausstrahlung – immerhin bietet die Hardware ihres neuen TV-Geräts:

eine Pauseoption und ein Cache für 20 Minuten …

Damit sind wir einen Schritt weiter im Themenkomplex des selbstorganisierten Medienkonsums.

Die heutigen Werbepausen sind rechtlich mit maximal 8 Minuten festgelegt, werden dann noch mit sender-internen Trailern und Programmhinweisen (und einem kleinen, bis zu 20sekündigen nachgeschobenen Werbeclip) auf ca. 10 min verlängert – da kann mensch sich schon mal ne Suppe kochen, die Wäsche aufhängen, einen Streit zwischen Nachbarn beilegen, oder ggfs. die Oma wiederbeleben 😉 …

Aber 20 min Cache und eine Pausetaste für das TV-Programm sind wirklich schon Schnee von gestern.

TV-Inhalte per Internet sind die vorläufige Zukunft

Momentan schaue ich mir  TV-Inhalte fast nur per stream im Internet an – jede Menge Serien, ganz ohne Werbung und ohne auf die nächste Woche zu warten – das ist auch schon suchterzeugend genug und eine weitere Nutzerstudie wert – aber der Mehrwert bleibt: wozu eine Serie sich bei den kommerziellen Sendern ankucken, sie sich durch Werbung zerstückeln lassen, wenn ich sie non-stop, bzw. durch meine eigene Stoptaste mir je nach Situation passend zuführen kann? Der Erzählfluss ist ein ganz anderer, im flow ist das, als wenn ich ein 6000-seitiges Buch lese – in Büchern gibt es schon lange keine Tütensuppen-Werbe-Inserts mehr (sowas gab es früher wirklich)

Wenn ich durch stream-Portale surfe, wie kinox, movie4k et al, finde ich auch Serien, die im Standard dvbt-Programm nicht ausgestrahlt werden, sondern in den Bezahlkanälen von kabel deutschland z.B. – Wenn ich Geld zahle, bekomme ich diese auch als download in HD-Qualität angeboten – das brauche ich nicht, abgesehen davon, dass der download aktuell immer noch eine rechtliche Gefahr ist, weil download gleichzeitiges Teilen bzw. Hochladen bedeutet, und damit macht man sich schon wieder strafbar.

Also streame ich, weil ich in einem privilegierten Grosstadt-DSL-Areal streame – die meisten Filme laufen auf Anhieb, ohne Zwischenladezeiten, Pausen, Kringeldrehen – ist zwar nicht HD, aber darauf kommts mir ja nicht an. Über eigene Filmsuchstrategien habe ich dermassen viele Filme gesehen, die im TV nie laufen, die im Kino um die Ecke auch nicht gerade gespielt werden – ich habe meine Sucht nach guten Filmen so gut befriedigen können – wie es mir ein normaler dvbt-TV-Empfang nie verschaffen könnte (und aktuell netflix auch nicht)

Internet-TV ist wohl die erweiterte Zukunft

Internet-TV hingegen  ist ein ganz anderes Feld-während sich TV-Inhalte im Internet mit einer selektiven und selbstorganisierten Nachlese der Inhalte beschäftigt, ist Internet-TV eine eigene Welt: hier wird nicht nachgelesen, sondern zusätzlich geschaffen. Technisch ohne Probleme, jede/r kann das machen, ohne Überprüfungen irgendwelcher minimal-journalistischen Standards (hat der IS nicht schon seinen eigenen youtube-channel?) – egal, auf jeden Fall multipliziert sich die heute existierender Sendervielfalt ins Endlose – wie soll der Konsument da noch seinen Weg finden (schnell ne App erfinden, Chico!) aber das ist eine weitere Diskussion.

Ich plädiere für generelles Pay per View, für wahrgenommene Inhalte

BigData hat doch auch seine guten Seiten: schaut, was ihr schaut, und bezahlt eure Micropayments dafür, egal, ob es die Tagesschau, das Dschungelcamp, oder Neonazi-Glorifizierung ist, aber bezahlt dafür – besorgt euch von mir aus irgendwann eine flatrate, aber erklärt euch einverstanden, dass nur soviel Geld reinkommt, wie ihr Aufmerksamkeit (clicks) erzielt (berechnet wird erst ab dem Abspann, z.B.)

Und befreit euch dadurch von der Werbung – Fuck Commercials !

p.s.: wahrscheinlich werden sich nachträglich die 10minütigen Werbeblöcke als das geringere Übel herausstellen, weil diese immerhin noch sichtbar und anonym an alle Unbekannten ausgestrahlt wurden – das hier vorgeschlagene Modell eines Micropayments (Pay per View) funktioniert nur, wenn diese Nutzerdaten anonym genutzt werden und für keinerlei Drittnutzung an die Wirtschaft weitergegeben werden.

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