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Menschen, Medien, Eimerketten

Qualitätsjournalismus – Bernhard Pörksen

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„Volle Ladung Hass“ so der Gastbeitrag von Bernhard Pörksen   auf Zeit-online:

Am interessantesten an diesem Beitrag sind die inzwischen 24 folgenden Kommentarseiten – hab ja grad die ersten 2 Seiten heut nachmittag (vor drei Tagen) durchgeblättert – und dort schlägt einem zumindest kein Hass auf die Medien, sondern ein sattes Mass an Misstrauen gegenüber dem Qualtitätsjournalismus entgegen, den Herr Pörksen doch irgendwie als noch existent postuliert.

Ich finde seinen Beitrag gut, er spricht da manche Schwachpunkte an, bringt sie dann aber doch zu wenig auf den Punkt. Zur Begründung wechsle ich auch gerne auf das Ich, um meine Subjektivtität auszudrücken. „Söldner im Dienste der Leitmedien“ ist ein Begriff, der meine Leseerfahrung mit dem täglichen Überfliegen der Schlagzeilen von ARD, ZDF, Spiegel, Faz, Zeit, der Süddeutschen schon wiedergibt. Nahezu gleichlautende Inhalte bei minimal arrangiertem Agenda-Setting. Das sind systemische Leitmedien, in denen sich online-Journalisten in einem zunehmend strengeren Abhängigkeitsklima abarbeiten müssen. Sie müssen schnell, und populär sein – unter der Woche wirkt das sehr oft ziemlich wie eine Gleichschaltung der Medien – sympathisch finde ich dann schon wieder, dass am Wochenende die Artikelflut etwas zum Stillstand kommt, das macht es menschlich.

Durch das tägliche Scannen von ca. 6-8 Tageszeitungen in ihrer ständig gleichen Themensetzung fallen mir dann eher die abweichenden Schlagzeilen/Artikel auf – in den Hauptmedien gibt es die nur ab und zu, für weiterführende oder Randthemen greife ich dann gerne auf die taz, den freitag, telepolis oder die jungle world zurück. letztere machen einen allein durch ihre flapsigen Überschriften positiv fertig, linksnet ist auch okay, ist tendenziös, steht aber wenigstens oben drauf.

eine fünfte Macht?

Irritierend finde ich, dass Pörksen von einer fünften Macht spricht, den antwortenden Lesern – egal, ob er sie als Trolle oder grölenden Mob beschreibt, aber eigentlich redet er da vom „Volk“, und das ist doch nie die fünfte Macht gewesen, sondern eigentlich „die Macht“ in einer Demokratie. das ist etwas absurd. anscheinend teilt sich die Macht des Volkes, in eine erste und fünfte Gewalt. kurz rekapituliert. Exekutive, Legislative, Judikative, das sind die drei Mächte – stimmt, eigentlich wird die da nie von Volkes Stimme gesprochen. Die Medien tauchen als vierte Macht auf, als unabhängig die anderen drei Mächte beobachtendes, kontrollierendes und offenlegendes Organ … und B. Pörksen redet auf einmal von einer 5. Macht, eben der Stimme des Volkes in Zeiten des Internets. Das Volk an 5. Stelle in einer sogenannten Demokratie. Das fällt Herrn Pörksen mal auf, dass in dieser unserer Demokratie auf einmal sich eine Volksstimme erhebt, die eigentlich in der Betriebsanleitung als formierende Kraft der Gesellschaft genannt werden muss. Vor dieser Leserbriefeflut und -möglichkeit im Internet existierte sie ja wohl nie.

Ab diesem Punkt nimmt die Wahrnehmung von Demokratie, bzw. die Diskussion über eine der Demokratie inhärente Geisteshaltung der Aufklärung eine interessante Wendung. Weil, eigentlich so, wie unsere Form der Demokratie momentan praktiziert wird, gibt es von den politischen „Entscheidern“ eine berechtigte Angst vor dem Volk. In den heutigen Demokratien wird massiv am Volk vorbei regiert, das Volk darf alle paar Jahre wählen, und dann muss es sich das folgende über sich ergehen lassen – das ist ein Fakt. Exekutive, Legislative und Juridakive sind Ausführungsorgane des tragenden Systems, die Medien sind als 4. Macht irgendwie das Kontrollorgan, aber auch nur Sprachrohr, Scheinadvokat und Erfüllungsgehilfe (oft aus wirtschaftlichen Zwängen der einzelnen oder dem Diktat der Herausgeberkonsortien heraus).

auf einmal taucht die Stimme des Volkes auf

tja, da kann man schwer mit umgehen. entweder sind das Verschwörungstheoretiker, Kommunisten, Linksparteiler … oder Rechtsradikale, Salafisten, Allgemeinterroristen, Staatsgefährder. in kurz: Systemabweichler.

im Zusammenhang mit einer Aufklärung (enlightment) taucht öfters der Begriff von einer intellektuellen Elite auf, dass das tumbe Volk durch eine gebildete Schicht in eine zukünftige Glückseligkeit geleitet werden muss. Ich reibe mich an dieser Vorstellung. was uns unsere aktuelle Welt momentan vorführt, ist, dass eine gut geschulte Schicht überzeugend an der einseitigen Umverteilung von Wohlstand und damit minimal oberflächlichen menschlichen Glücksgrundbedürfnissen agiert. Auf Grundlage einer Religion des Geldes, dem Kapital. Dieser Religion unterwerfen sich alle Erwerbstreibenden und Lohnempfänger, inklusive der angemahnten Qualitätsjournalisten.

Diese Unterwerfung geht nach wie vor auf Kosten anderer, wie da wären die ausgebeuteten Rohstoffländer, die seit den 80er Jahren unter die IWF-Knute gezwungenen Drittweltländer, die unter Druck gesetzten Gewerkschaften in der EU etc.

Diese Unterwerfung erzeugt aber auch erst die Missgunst, den Hass, und das Vorurteil. Weil es die wenigsten beteiligt, sondern viele einfach ausgrenzt. Was macht der Ausgegrenzte in seinem Frust? er sucht sich einen Schwächeren, an den er den Stachel in seiner Existenz weitergibt – das ist ein altes militärisches Prinzip, das Elias Canetti in seinem Buch „Masse und Macht“ schon längst beschrieben hat.

Der konsequente Missbrauch und die langjährige Misshandlung des Volkes durch die Systemgewinnler kann einfach nur in Misstrauen und in Hass/Fremdenfeindlichkeit führen. Dem „Volk“ wird ja gar keine Gelegenheit gegeben, sich entspannt und aufgeklärt im Wohlstand wohlfühlend zu wälzen, nein, dieser ist ja ständig dadurch bedroht, dass die Börse irgendwo anders bessere Gewinnspannen sieht – also leben alle, die es nicht vom Tellerwäscher zum Millionär geschafft haben, immer noch am Tellerrand.

Und zunehmend geht dies allen auf den Sack

in welcher Form auch immer. Rechtsradikale und Ausländerfeinde bieten ein simples Strickmuster. um sich greifender Islamismus ist auch eine Option. Im Grunde verstehe ich diese aber als Abwehrreaktionen auf ein offensichtlich verschlechterndes Allgemeinsystem. Eigentlich rede ich um den heissen Brei herum, weil ich nicht in dieses ausgelatschte antikapitalistische Linksparteigeschwätz dieser Drachenbrut (haha) reinrutschen will, aber doch, ja doch, ein besserer Wortlaut fällt mir dazu nicht ein. Ganz besonders in Zeiten des blind agierenden Neoliberalismus hat die sozialistische Ideologie eine grosse Möglichkeit, sich von ihren alten und absoluten Linien zu trennen und ihre ganze Gestaltung neu zu überdenken. Kapitalismus ist eine noch sehr erfolgreiche Ideologie, auch weil sie soviel Kapital angesammelt hat, dass dieses einfach den weiteren Werdegang diktiert. Aber es ist ein Diktat, im kalten Krieg hat der Kapitalismus vergleichbar mit Stalin, Chrustchov, Breschnew, Andropov, Jelzin, Gorbatschov, sein Diktat durchgesetzt. Dann hat er die feindliche Ideologie in den Bankrott getrieben. In diesem Konflikt schien das System wie ein Gewinner, dabei haben sie dem Feind nur das Geld für soziale Verbesserungen abgezogen.

In seiner heutigen Form scheint der praktizierte Kapitalismus aber selbst sein grösster Feind zu sein, weil er bereit zu sein scheint, für seine eigene Gier sich über kurz oder lang selbst das Genick zu brechen, oder zumindest seinen eigenen Kindern, oder der vernachlässigten Schicht seiner eigenen Bevölkerung.

kein Feind ohne Grund

Dass der Westen auf die islamistische Bedrohung so sensibel reagiert, scheint mir auf eine Erkenntnis zu beruhen, dass sich das System über sein Unrechtsverhalten durchaus bewusst ist, und dass diese einseitige Ausbeutung starken Widerstand erzeugen kann.

Mit dem islamischen Staat scheint erstmals eine uneinschätzbare Gegenkraft zum kapitalistischen Westen einzusetzen – darum kriegen ja auch alle das grosse Flattern. (Naja, der erblühende asiatische Kapitalismus ist auch nicht ohne, siehe APEC-Gipfel grad in China)

Die Irrationalität eines fundamentalistischen Islams steht der Irrationalität des Börsenverhaltens und des kapitalistischen Selbstbedienungszeremoniells gegenüber – zwei Religionen, wobei der sogenannte christliche Kapitalismus seinen Jehova längst gegen Mammon ausgetauscht hat – und der Islamismus seinen Gott nur noch als anti-imperiale Legionsfigur sich auf die Fahne schreibt. Bei beiden darbt das Fussvolk, während sich die Macher die Taschen mit Geld und Einfluss füllen. Das Fussvolk bleibt dumm und wird manipuliert. Durch Erzählungen, manipulierte Darstellungen – und vor allem: durch offensichtliche Ungleichgewichte. In den arabischen Ländern ist das Wohlstandsgefälle offensichtlich, in den europäischen Ländern kommen die Rechtsradikalen aus den gleichermassen einschlägigen Bevölkerungsgruppen – Irritierend im Islamismus bleibt die Figur des Selbstmordattentäters, die absolute Selbstopferung – dieses Phänomen gibt es in der kapitalistischen Gesellschaft nicht. Selbstopferung passt nicht zum Eigennutz, andere opfern hingegen schon.

Der Journalismus von heute zielt marktorientiert auf Quote, und gibt sich damit dank Bild und Evening Star oder anderen populistischen Underdogblättern in Kombination mit 30 Jahren kommerziellem Verdummungsfernsehen die Klinke in die Hand. Der grösste Teil der Menschen ist verdummt erzogen worden. Nicht von ungefähr gibt es den Begriff Unterschichtenfernsehen, nicht von ungefähr erinnert das ständig an römische Brot und Spiele, Gladiatorenkämpfe.

Das Volk dumm und kaufgeil, freundlicher gesagt: konsumfreudig halten, das ist das tragende Konzept.

Das Leitthema der Leitmedien:

Die Masse auf Kurs halten. Die Zeitungen, die ich online lese, sind quasi öffentlich-rechtlich, nur kriegen sie kein Geld vom Beitragsservice; die öffentlich rechtlichen Fernsehsender erfüllen ihren kritischen Gesellschaftsauftrag, indem sie Spartensender aufgemacht haben. Da laufen tatsächlich jede Menge optimistische und finster bis positive geopolitische analytische Dokumentationen. ziemlich aufklärend – und dabei fühle ich mich auch immer wieder gut aufgehoben, mit diesem Zwangsbeitrag zur Volksbildung. nur schade, dass das immer auf Sendern läuft, die sich kaum jemand ankuckt (bzw. so wenig, dass es kommerziell nicht relevant ist) – also solchen wie früher der Offene Kanal, oder Alexander Kluges „dctp“ auf Sat1 – das war auch immer eine gelungene Zwangsvereinnahmung und für viele ein Grund, lieber auf irgendeine Werbung umzuschalten. Das war rechtlich erzwungen und vollkommen deplaziert, weil auf einen Verdummungssender ein intellektuelles Programm einfach aufgepfropft wurde, das mag ja mit Apfelbäumen klappen, aber doch nicht mit couch potatoes, die sich auf Heidi Klum einsummten …

Aauf den öffentlich-rechtlichen laufen gute Dokus, auf zdf-info, tagesschau24, und nicht zu vergessen arte und 3sat, den europäischen Kooperationen – das kucken oft zu wenige, so schwache Sender verschlingen natürlich auch viel GEZ-Gebühren , aber das ist schon wieder ein anderes Thema. Punkt.

Die Definition von Gewaltenteilung schwebt die ganze Zeit auf meinem oberen Bildschirm – quasi über mir – das Volk als 5. Gewalt.

Und über allem schweben die kurzflammigen Ballons zum 25jährigen Jubiläums des Mauerfalls. Alle sind kurz mal ergriffen. Zücken Iphone. gehen dann wieder schaffen

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