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Menschen, Medien, Eimerketten

Bürgerbefragungen für den Grexit

Ratlos

update:  +++ Florian Diekmann bespricht in  SPON vom 18.06.15 das gern missbrauchte griechische Renteneintrittsalter von 56 Jahren, und widerlegt es. Auch die Meinungswerte in Deutschland werden erwähnt. +++

Plötzlich werden Volksbefragungen von Meinungsforschungsinstituten herangezogen, um das Unvermeidliche (oder auch nicht) basisdemokratisch zu untermauern: Nach bald einjähriger Dauerbeschallung durch unsere „Leitmedien“ stimmen fast 60 % der befragten deutschen Bevölkerung für Griechenlands Staatsbankrott. Wenn alles schief zu gehen droht, scheint die Politik  doch auf einmal und plötzlich den schwarzen Peter auf den Volkswillen abzuwälzen.

Deutsche wollen Grexit – ein Beispiel aus der „Zeit“

http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-06/deutsche-wollen-grexit

Welche Deutsche wollen einen Grexit?

Frau Kipping von der Linken hat zu einer Flüchtingsdemo aufgerufen (wann?, nächsten Samstag?), die sich auch zu einer Solidaritätskundgebung mit Griechenland gerieren soll.

In den kleinen Kommentaren in der FAZ wird immer noch von einem Rentenalter ab 56 geschwatzt, obwohl sich diese Zahl doch längst als unterste Zahl, bzw. als eine verführend nützliche Fehlinformation, oder zumindest Halbwahrheit herausgestellt hat. Selbst die FAZ hat hierbei Unschärfe bekannt. Nichtsdestotrotz wird diese Zahl weiter gerne benutzt, von den einschlägigen Griechenland-Bashern – heute wurden dann sogar noch die Babypensionen aus dem Munde von portugiesischen Ministern zitiert.

Lang lebe die neutral berichtende Presse

Und jetzt wird der anstehende, drohende Grexit den repräsentativen Umfragen der Bürgerstimmen untergejubelt. Hey, die Bürger Deutschlands haben keinen Bock mehr und sagen zu 58 %: Griechen raus.

Das ist so „überzeugend“

1. Nach mindestens einem Jahr dieses Verhandlungszirkus – begleitet von einschlägig einseitiger Berichterstattung – sind alle so von der einseitigen Dauerbeschallung ermüdet, dass sie a) entweder dieser Dauereinseitigkeit glauben, oder b) es einfach nicht mehr hören wollen.

2. Auf einmal wird der Bürgermeinung ein Mitwirkungsrecht eingeräumt, welches sie in diesen Verhandlungen nie hatte. Da hat eine frisch gewählte linke griechische Regierung (die rechte Koalitionspartei wird ja erstaunlicherweise so gut wie nie erwähnt) mit den von ihnen sogenannten Institutionen zu verhandeln. Alle wissen inzwischen, dass diese privaten Gläubiger eigentlich die Banken sind, und dass die Zahlungen überwiegend dazu dienen, die Schulden bei den globalisierten Banken zu begleichen.

Und wir sind so überzeugt

Das eigentliche Lotterleben der Griechen wird uns ja nun schon seit langer Zeit und einseitig eingehämmert, von allen unseren sogenannten Leitmedien und unseren Polithirschen – ist es da ein Wunder, wenn die Mehrheit der Deutschen dem einseitigen Medienflow zustimmt?

Der vorbeugende Persil-Schein

Aber warum wird diese Meldung zu diesem Zeitpunkt verbreitet? Man hat das Gefühl, jetzt, wo alles schiefzulaufen droht, wird die Entscheidungsgewalt auf einmal auf Volksbefragungen abgewälzt. So nach dem Motto: was immer daraus auch entsteht, das Volk hat doch laut Umfragen eigentlich zugestimmt.
Wir Politiker haben uns dem Mehrheitswillen der Bevölkerung ganz lupenrein demokratisch nur angepasst.

Das nenne ich einen Schachzug der Politik, sich einen vorbeugenden Persil-Schein auszustellen.

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