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Menschen, Medien, Eimerketten

Der Tag danach + Varoufakis

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6. Juli 15 – Ein Flanieren durch den Pressestimmen-Wald des deutschen Fernsehens am Tag nach der griechischen Volksabstimmung – Varoufakis, „der Beau und Berserker“, Zitat aus den Tagesthemen zum Rücktritt des griechischen Finanzministers. falls sich in 2 Jahren keiner mehr an ihn erinnert.

Danke für den Kommentar von Tina Hassel zu Griechenland, und dem darin zitierten ehemaligen EU-Vorsitzenden Verheugen. Den Hinweis, dass irgendwie anders verhandelt werden, ein Europa anders gedacht werden muss.

Die Politikerstimmen – Reaktionen

Ansonsten überwog in den Stellungnahmen der deutschen Politiker die Bestürzung, ausser bei Katja Kipping von der Linken; und die Erleichterung, dass dieser nervige Stiesl von Varoufakis zurückgetreten ist, interessant, dass in dem quasi-Nachruf, ihm trotz aller äusserlichen Etiketten (Beau etc.)  eine längere Nachhaltigkeit und Wirkung seines Denken zugetraut wird, als seine Amtszeit gedauert hat.

Es ist ja erst Tag 1

Also kann sich bei den Institutionen und den Verlautbarungs-Medien auch noch mal die Meinung wenden; aber bei den bisherigen Finanzministern und Playern äussert sich aktuell: ja, jetzt haben die Griechen zwar dagegen gestimmt, und wir machen dann eben neue Verhandlungen (Scheissdemokratie, und dann noch aus Griechenland), aber wir beharren unverrückbar auf der bisherigen Position. Wie soll es da Verhandlungen geben, wenn die eine Partei auf den gleichen Positionen beharrt, wegen denen es zu diesem Scheitern kam? Und diesem „unsäglichen“ Referendum?

Vorschläge der Linken

Die Verlagerung dieser Problemlösung weg von den Technokraten hin zu den Politikern, eine politische Lösung für den europäischen Gedanken suchen: das schlägt sowohl Katja Kipping als auch Tina Hassel in ihrem Kommentar vor. Die Krise als Chance, abdroschen, aber Krise als Beginn eines Neu-Überdenkens, als Chance einer Rückbesinnung auf europäische Aufklärungs- und demokratische Werte.

Auf Phoenix sah ich Frau Kippings Pressekonferenz. Krass, wie ich auf Linie der Linken bin.
Gut vorgetragen, hat sie ja aber auch geübt 🙂 Gestern abend hat sie bei Maxbritt Illner fast wortwörtlich das Gleiche vorgetragen (in die Worterteilung oder zwischen die anderen Wortmeldungen dazwischen gequetscht), ruhig, sachlich, clever.

Kurz irritiert in der Pressekonferenz war ich, warum sie auf einmal von der Rolle der Mädchen spricht, bis ich 3 Sekunden später verstand, sie spricht von der Rolle der Medien – je nun, ein Hinweis auf ihre regionale Herkunft, war aber auch der einzige, ist ja eigentlich total unwichtig, aber auch sympathisch.

Die 5 Vorschläge, für die hat sie bei Illner gestern nicht die Zeit gehabt. Gute Idee ist die Einsetzung eines Mediators, dafür sind die doch erfunden worden, für genau solche ausweglosen oder festgefahrenen Positionen. Mit der GdL haben wir die Aufgabe doch gerade erst mitbekommen. Konflikte, die zunehmend emotional ausgetragen werden, benötigen eine aussenstehende Person mit Vermittlungsfähigkeiten.

Kipping wollte keinen Namen nennen, weil sie den/diejenige dadurch als Kandidaten „verbrennen“ würde, weil der Vorschlag eben von der Linken käme.

Das Trauma der Intoleranz

Das war nur ein kurzer Hinweis, dass die Linke sich in einer gemobbten Randposition findet, und von allen Seiten wegen ihrer zu extremen Einstellungen quasi als „Ausgestossene“ behandelt wird, mit denen man möglichst prinzipiell jede Zusammenarbeit verweigert.

Kipping hat dieses Trauma des Verfolgt- oder Geächtetwerden in 2 Sätzen erwähnt,  aber sie thematisiert es zumindest.

Ken Jebsen in seinem Netz-TV KenFM.de hatte Anfang Mai eine spannende Gesprächsrunde mit Matthias Bröckers, Willy Wimmer, Dirk Pohlmann, einem Arte- und ZDF-Regisseur (Täuschung-die Methode Reagan), und Dr. Daniele Ganser, Historiker und Friedensforscher aus der Schweiz – die haben sich in den knapp 3 Stunden auch mal eine Weile über die eigenen Erfahrungen und Beispiele aus ihrem Leben über dieses gemieden und geächtet Werden ausgetauscht. Ich finde das gut, und interessant. Auch wenn ich gleich wieder spöttelnd an eine Selbsterfahrungsgruppe und Therapie denken muss, eine Karrikatur vor Augen hab. Aber diese Erfahrungsberichte sind wichtig, das sind Berichte über persönlich erlebtes Mobbing. In einer sich demokratisch nennenden Streitkultur. Das sind auch die persönlichsten Momente, die man von diesen meist über hochkomplexe und abstrakte geopolitische et al-Themen redenden Aktivisten zu hören bekommt.
Da machen sie mal Selbstbespiegelung, kümmern sich endlich mal um sich selber. Dieser persönliche Druck muss doch als Alltagserfahrung mal genannt und rausgelassen werden.

Das Linke wird generell gemobbt

Das ist Fakt. Kipping wies heute darauf hin, dass sich ein Europa auch daran gewöhnen müsse, mit Regierungen anderer EU-Länder zusammen zu arbeiten, auch wenn sie eine stark abweichende Haltung zum dominanten Konsens in der Gruppe vertreten.

Die Linken werden in der EU gezielt gedisst; nicht ernst genommen, an den Rand gespielt, unglaubwürdig gemacht, als Verschwörungstheoretiker diffamiert. Ich vermute, dass es an den total konträren, aber eigentlich vernünftigen Argumenten liegt, die sie äussern, die aber leider dem Überfliegerkurs des Spätkapitalismus so entgegenstehen, dass die Linken zwar als die stärksten Gegner, aber auch als die schwächstee Stimme im Wolfsrudel wahrgenommen werden.

Die deutschen Leitmedien

sind aber so systemkonform in ihrer wirtschaftsgläubigen Unerschütterlichkeit, Alternativlosigkeit, dass sie erst durch dieses Referendum, diese Verweigerungshaltung des demos, darauf hingewiesen werden, mal auf neue Gedanken kommen zu müssen.

Die Medien dürfen da ja schon mal mehr sagen als die Politiker, die müssen ja bis zuletzt dran glauben, an ihr einzig wahres wirtschaftsorientierte System. Ein Umdenken oder Weiterdenken ist in diesem technokratischen System schwer möglich, könnte aber nötig sein.

Technokratie ist ein guter Begriff

um die Diener des Kapitals zu beschreiben. Wer das Geld zum einzigen Wert erhebt, verliert die anderen Werte schon schnell mal aus den Augen. Die Leute, die über uns bestimmen, sind Ende 40 oder 10 Jahre jünger, welch systemgläubige Nasen hat sich das System da herangezogen? Von dem langen Marsch durch die Institutionen ist dort ausser Floskeln und alten Che Guevara T-Shirts nichts mehr übrig geblieben.

Das griechische Nein ist nicht falsch. Es macht aber auch nichts leichter.

Die humane Grundversorgung hätte eigentlich schon in den letzten 5 Jahren anlaufen sollen, nicht erst am Abend nach dem Referendum erstmals erwähnt werden. Martin Schulz hat diesen Aspekt zumindest gestern schon mal angedacht – Herr Schulz, existiert dieses Problem denn erst seit gestern? Oder wieso kommen Sie plötzlich darauf? Das ist doch vom gleichen Kaliber wie die Flüchtlingskatastrophe mit fast 1000 ertrunkenen Flüchtlingen an einem Tag – wenn es dann so dicke kommt, dann wird auf einmal ein humanitäres Fass aufgemacht, als wenn die Politik die existierenden Katastrophe nicht schon Jahre zuvor absehen konnten. Das ist eine Heuchelei der Demokratie!

Der Artikel von Slavoy Zizek in der Print-Ausgabe vom 2. Juli in der Zeit nennt gute Hintergründe für eine differenzierte und linkspolitische Einschätzung dieser Krise.

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